Hoffnung – ein Missverständnis

Von Ute Hallaschka, Juni 2020

Der amerikanische Bestsellerautor Jonathan Franzen gehört zu den wichtigsten Stimmen im gesellschaftlichen Disput. Für seine Haltung zum Thema Klimawandel wird er heftig angefeindet, beschimpft und diffamiert.

Franzen hat in einer Reihe von Essays immer wieder seinen Standpunkt beschrieben. Jetzt ist ein schmales Bändchen erschienen, in dem er noch einmal den Versuch unternimmt, seinen aufklärerischen Humanismus darzustellen.

Franzen ist der Meinung, dass wir einer selbstzerstörerischen Illusion unterliegen, wenn wir einerseits gebetsmühlenartig den Slogan wiederholen: Wir müssen den Klimawandel stoppen – in der Tagesrealität aber genau das Gegenteil tun. Diese Bewusstseinsspaltung und Verdrängung spielt der Zerstörung in die Hände. Statt der Erde kultivieren wir unser schlechtes Gewissen und beruhigen uns mit moralischem Etikettenschwindel. Vielmehr sei dies eine Frage der individuellen Moral und moralischen Technik. Menschen, schreibt er, ändern ihr Verhalten nicht durch Parolen oder Masterpläne, sondern nur, wenn sie in ihrem Inneren berührt werden. Also stellt er sich die Frage, ob es nicht das umgekehrte Verfahren braucht, das uns echte Empathie ermöglicht. Sich einzugestehen, was bereits verloren ist, um so real die Perspektive der Liebe einzunehmen: Was zu retten ist, weil es mir am Herzen liegt.

Man könnte dieses Verfahren eine poetische Technik nennen, oder wie es Franzen selbst im Interview formuliert: Literatur ist dazu da, sich mit einer unerträglichen Wirklichkeit zu arrangieren, dieses Arrangement jedoch nicht als faulen Kompromiss zu verstehen, sondern als praktizierte Hoffnungstat; statt falscher Hoffnungen den schöpferischen Verzicht, die produktive Ent-Täuschung. Diesen Liebeswillen in sich zu entbinden, ist alles andere als Nihilismus.

Stand der Dinge scheint ihm: Wir schaffen es nicht mehr, die Welt rechtzeitig abzukühlen. Indem wir uns diese Illusion eingestehen und aufhören, uns zu belügen – auf Wunder zukünftiger Wissenschaft zu warten – können wir sofort individuell ans Werk gehen, indem jeder das Stückchen Weltausschnitt, welches ihm Leben bedeutet, schont und schützt, weil er es liebt – dann ist nichts verloren. Diese radikale Anschauung der Initiative des einzelnen wird öffentlich missverstanden und geschmäht. Doch diese Initiativkraft ist das einzige, was auf Dauer die Verhältnisse ändert. Ihre Provokation besteht darin, dass sie nach Wahrhaftigkeit verlangt. Franzen macht Schluss mit der Illusion, dass irgendwer als Wundertäter uns alle retten wird.

Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können, Tb., 64 S., EUR 8,–, Rowohlt Verlag, Hamburg 2020

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