Ich schaue in die Welt

Von Mathias Maurer, September 2021

Das kleine Büchlein versammelt 54 Texte eines jungen Philosophen, die zwischen 2013 und 2020 in der Zeitschrift »Das Goetheanum« erschienen sind und zwischen längeren aphoristischen Betrachtungen und kurzen Essays liegen.

Eine Art Tagebuch gedanklicher Reflexionen, aus denen man etwas von dem in der Welt Geschauten, den Menschen, denen der Autor begegnete und nicht zuletzt über den Autor selbst erfährt, deren Vielfalt an Themen hier nicht wiedergegeben werden kann, deren Grundmotiv jedoch das Verhältnis eines Ich im Bekenntnis zu einem Du oder Gegenüber beleuchtet. Ein Ich, das erfährt: Ohne ein Du – innen oder außen – existiert es nicht. Es ist angeraten, das Buch häppchenweise zu lesen, denn (fast) jeder der eineinhalb Seiten langen Texte ist es wert, »nach« gedacht, fortgeführt und kritisch reflektiert zu werden.

Eine Kostprobe aus dem Kapitel »Masse und Macht«: »Wenn mittels Massenproduktion technische Geräte die Bastelstuben ihrer Erfinder verlassen, dann wird dies nicht zu Unrecht als ›Demokratisierung‹ gefeiert. Doch je mehr Massenproduktion technische Geräte und Fertigkeiten ›demokratisiert‹, desto besser lässt sich erkennen, dass sich künstlerische Prozesse und Fähigkeiten gerade nicht ›demokratisieren‹ lassen. Sie sind nicht massentauglich. Sie sind individuell.«

Eines wird deutlich: Der Autor genießt es, Gedanken zu entwickeln, sprachlich zu drehen und zu wenden, und auf den ersten Blick widersprüchlich Erscheinendes auf eine höhere Ebene zu heben und zusammenzudenken – dafür sind ihm auch profane Anlässe wie zum Beispiel Geburtstage, Kindermärchen oder Tourismus nicht zu schade, um dann mit Leichtigkeit und Treffsicherheit mal so nebenbei eine kleine Soziallehre des Intersubjektismus zu entwickeln, eine kritische Milieu-Betrachtung zum anthroposophischen Szientismus zu liefern oder dem zerebralen bzw. postfaktischen Zeitalter mal kurz die Leviten zu lesen. – Diese Leichtfüßigkeit, mit der sich der Autor souverän unterschiedlichste Themenbereiche gedanklich erschließt, macht seine Kritik um so nachhaltiger, nahezu zu einer Eulenspiegelei.

Das Büchlein trägt als Titel den Anfang des Morgenspruches, der jeden Morgen in den Klassen 5 bis 12 der Waldorfschulen rezitiert wird: »Ich schaue in die Welt«. Im weiteren Verlauf dieses Spruches die Kehrtwendung nach innen: »Ich schaue in die Seele« – unausgesprochen gibt diese Blickrichtung den gedanklichen Höhenflügen die nötige Bodenhaftung und zeigt: Der Autor verantwortet seine Gedanken selbst. Das macht es zu einer empfehlenswerten Lektüre.

Philip Kovce: Ich schaue in die Welt. Einsichten und Aussichten, 140 S., kart., EUR 14,–, Verlag am Goetheanum, Dornach 2020

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