Inspirierender Leitfaden

Von Sebastian von Verschuer, Oktober 2020

Im Jahr 1975 erschien »Waldorfschulen: Angstfrei lernen, selbstbewusst handeln« von Christoph Lindenberg und wurde ein Bestseller. Dieses Buch war vermutlich nicht ohne Einfluss auf die Welle der Waldorfschul-Neugründungen in Deutschland in den späten 1970/80-Jahren.

»Was will Waldorf wirklich?« ist eine ebenso weite Verbreitung zu wünschen, denn es hat ein ähnliches Anliegen: Zwar ist die Praxis der Waldorfschulen heute besser bekannt als damals, trotzdem geht es immer noch um Aufklärungsarbeit. Als Schulberater und Autor zu Waldorf-Themen gelingt es Wember herauszuarbeiten, was im Kern die Waldorfpädagogik ausmacht. Das Buch geht auf Vorträge zurück, die er an verschiedenen Orten vor Eltern und Lehrern gehalten hat; der Vortragsstil wurde beibehalten, samt der anschließenden Fragen und Antworten. Dabei werden auch sensible Fragen angesprochen, zum Beispiel: Was bedeutet die Zusammenarbeit mit den Engeln und wie bekommt man überhaupt Zugang zur Steiner-Lektüre? Im Anhang wird auf Steiners Forschungsmethode eingegangen. Steiner kam zu seinen menschenkundlichen Erkenntnissen ohne empirische Belege anzugeben, was als unwissenschaftlich angesehen wird. Das einfache Beispiel, wie ein Musikkundiger eine vorgespielte Quinte unmittelbar als Quinte erkennt, während ein Unkundiger den Beweis einer Frequenzmessung fordert, zeigt in aller Einfachheit, dass die Wahrheit einer Aussage nicht erst durch ihre empirische Begründung entsteht. Das ganze Buch ist ein Plädoyer dafür, die anthroposophische Menschenkunde in gesteigertem Maße ernst zu nehmen und anzuwenden.

Die Auswahl von Zitaten aus Steiners Werken ist geschickt und Wembers Durchdringung dieser Angaben mit eigenen anschaulichen Erläuterungen inspirierend. Beispielsweise wird die selbstlose Wirkungsweise der Organe im Körper konkret ins Verhältnis gesetzt zu den Aufgaben in der Schule. Daneben geht es aber auch um praktische Fragen: Wie leitet man eine Waldorfschule? Ist »Waldorf« Reformpädagogik? Wie bereiten wir die Kinder auf das 21. Jahrhundert vor?

Alle Texte haben die Frische einer direkten Antwort auf konkret gestellte Fragen. Der Leser wird durch die vielfältigen Denkanstöße und die anschaulichen Beispiele aus der Erfahrung des Autors dazu angeregt, Ideen der Waldorfpädagogik aufzugreifen und begeistert umzusetzen. Das Buch könnte helfen, dass in den Waldorfschulen bei der voll in Gang befindlichen Ablösung von alten »Waldorfhasen« durch die jüngere Lehrergeneration die ursprüngliche Kraft und Qualität von »Waldorf« erhalten bleibt.
Die Lektüre ist Eltern wie Lehrern gleichermaßen zu empfehlen.

Valentin Wember: Was will Waldorf wirklich? Die unbekannte Erziehungskunst Rudolf Steiners, 250 S., Pb., EUR 23,–, Stratos Verlag, Tübingen 2019

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