»Islamischer Staat« seziert

Von Bruno Sandkühler, Februar 2016

Petra Ramsauer gehört im deutschsprachigen Raum zweifellos zu den bestinformierten Kennern des IS, des sogenannten »Islamischen Staates«. Sie berichtet über ein Gebiet, das sie aus eigener Anschauung kennt, verfügt über weit gespannte Kontakte zu unterschiedlichen Akteuren und hat ihre profunde Kenntnis der einschlägigen Literatur und Internetquellen bereits in früheren Büchern bewiesen.

Das neue Buch gibt einen Überblick über all die komplexen Facetten eines kaum mehr überschaubaren Phänomens, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen – nicht zuletzt auch in die Vergangenheit Europas, wie sich unlängst bei dem Flugzeugabsturz über dem Sinai und nach den Anschlägen in Paris wieder gezeigt hat, als der IS die Opfer als »Kreuzritter« bezeichnete. Etwas zu kurz streift der Blick die Enttäuschung der arabischen Völker am Ausgang des Ersten Weltkriegs – wie auch den eigenartigen Rückgriff auf einen der seltsamsten islamischen Mythen, die Saga von der großen Schlacht von Dabiq am Ende der Zeiten, bei der auch Jesus mitwirkt.

Petra Ramsauer ist Journalistin. Sie schreibt im Stil der Berichterstatterin mit anekdotischen Details, persönlichen Erlebnissen, spontanen Ausblicken und griffigen Schlagworten. Da erscheinen beim »Pop-Dschihadismus« »Möchtegern-Dschihadisten« oder »IS-Fanboys« auch mal als »Häufchen Elend«, auf dem T-Shirt »prangt das Logo«, wiederholt »schrillen die Alarmglocken« und der Kampfgesang der Dschihadis wird »aufgemotzt mit Einschlägen aus Hiphop und Rap«. Oft schneidet die Autorin ein Thema kursorisch an, verspricht aber eine ausführliche Behandlung in einem späteren Kapitel, was zu einer Fülle von Details und Wiederholungen führt, aber die Übersicht erschwert. Eine Systematik wird man am meisten im Kapitel über die Rolle der Frauen im IS vermissen, das zunächst das Klischee der »Dschihadistenbraut« in Frage stellt, dann aber genau dieses Klischee am Beispiel der Wienerin Lisa-Marie ausführlich bedient.

Wenn auch die Autorin mehrfach betont, dass angesichts der Gesamtsituation Informationen in der Regel nicht überprüft werden können, so kann man doch die von ihr recherchierten Details zu den zuverlässigsten rechnen, die gegenwärtig verfügbar sind. In ihrer Gesamtheit decken sie von der Rekrutierung über interne Strukturen, Propagandamethoden und Ideologie alle wichtigen Bereiche des IS ab. Zusätzlich gibt die Fülle der in den Anmerkungen aufgeführten Quellen die Möglichkeit zur Vertiefung, was besonders für Lehrer wertvoll sein kann, die im Unterricht bestimmte Aspekte herausarbeiten wollen. Wer Französisch lesen kann, wird in Anmerkung 54 eine hoch interessante Studie zur Verwandlung junger Menschen durch die Psychotechniken der Islamisten finden. Bei der Länge vieler URLs nimmt es allerdings nicht Wunder, dass hier gelegentlich Fehler unterlaufen sind.

Jedenfalls kommt das Buch zur rechten Zeit.

Petra Ramsauer: Die Dschihad Generation. Wie der apokalyptische Kult des Islamischen Staats Europa bedroht, geb., 208 S., EUR 24,90, Styria Premium, Wien/Graz/Klagenfurt 2015

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