Ist der Islam in der Krise?

Von Bruno Sandkühler, März 2018

In der Debatte um Islam und Muslime wird kaum darüber nachgedacht, was denn eigentlich Islam ist, wie islamisch hier lebende Muslime sind. Ein im Namen des Islam ausgeübter Terror bestimmt das Meinungsbild und hat ein Klima von Angst und Polarisierung geschaffen – ein Erfolg im Sinne der Verursacher.

Blume unternimmt es, aus dem Fundus seiner vielfältigen Erfahrungen die Situation zu analysieren. Die einführende Frage »Stirbt der Islam?« zeigt im Überblick Facetten des Krankheitsbildes, das wir mit veränderten Vorzeichen auch im »christlichen Abendland« konstatieren. Blume sieht einen Prozess, den er als »stillen Rückzug«, als Verkümmerung islamischer Institutionen charakterisiert, zumal man mit der Geburt Moslem wird und kein Austritt erlaubt ist, so dass die Statistik über die Anzahl der praktizierenden Moslems täuscht.

Als historischen Ursprung des Bildungsrückstands islamischer Länder sieht Blume das Druckverbot des Sultans Beyazit von 1485. – Allerdings hat schon 200 Jahre zuvor der große Gelehrte Al-Ghazali eine Ursache klar benannt: Angesichts der Beweise der Naturwissenschaft würde der Moslem entweder den Glauben an den Koran verlieren oder er müsse sich von der Wissenschaft distanzieren. Diesen Prozess, in dem die Moslems in eine Opferrolle geraten sind und alles »Moderne« als Verschwörung gegen den Islam erleben, beschreibt der Autor ausführlich. 2016 benannte der angesehene Imam Abdelfattah Mourou in einer flammenden Rede in New Jersey diese desolate Situation und forderte die Moslems auf, ihre Verantwortung auszuüben, statt in Selbstmitleid und sinnloser Gewalt ihren Zustand »dem Westen« anzukreiden.

Eine solche Rede wäre in einem islamischen Land unmöglich gewesen. Indem Blume dies mit Beispielen konkretisiert, kommt er auch auf den Widerspruch im Islamismus zu sprechen, wo der vorgeblichen Rückkehr in die heile Welt Mohammeds die Nutzung moderner Technik gegenüber steht. Er blickt auf parallele Entwicklungen im christlichen oder jüdischen Kontext – interessant, aber nicht immer relevant für das Thema. So werden auch die islamistischen Verschwörungstheorien relativiert durch Entsprechendes bei Christen, Juden und Hindus und erscheinen somit weniger als Ursache der islamischen Krise. Manches ist zu hinterfragen, etwa die These des Hirnforschers Linke von den Konsequenzen der vokal­armen semitischen Alphabete – wo doch in der Koran- und Thora-Rezitation das vokalische Element überwiegt. Ähnlich beim Öldurst des Westens: Er mag zur Krise beitragen, die Hauptursachen sind aber innerislamisch, wie man an Ägypten sieht, wo das Öl keine Rolle spielt.

Blumes Fazit: »Es braucht viel Mut und Kraft, den verborgenen Gründen ins Auge zu sehen. Doch ich wage zu hoffen, dass ausreichend viele Menschen diese Kraft suchen und finden werden, damit unsere gemeinsame Zukunft besser werden kann.«

Michael Blume: Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug, Hardcover, geb., 192 S., EUR 19,– Patmos Verlag, Ostfildern 2017

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