Kein Kind im Wald?

Von Lorenzo Ravagli, Februar 2012

Mit seiner Botschaft, den Kindern die Natur zurückzugeben, stehen Richard Louv gewiss alle Waldorftüren offen. Sein Buch ist zwar auf die nordamerikanische Kulturwüste zugeschnitten, aber früher oder später werden die amerikanischen Verhältnisse immer auch zu europäischen. Von einem unmerklichen, aber schier unaufhaltsamen Wandel in unserem Verhältnis zur Natur berichtet Louv: dem »Verschwinden« der Natur aus unserem Bewusstsein. Es hängt mit dem Vordringen neuer Technologien zusammen, aber auch mit bestimmten Haltungen der Eltern, die aus Angst um die Zukunft ihrer Kinder diese einer ständigen Kontrolle und Förderung unterziehen. Gewiss ist der Grad der Verstädterung, das Ausmaß der Automobilisierung der Fortbewegung und Technologisierung der Kinderstuben in den USA viel weiter fortgeschritten, als in Europa, aber wir kennen all das, was er beschreibt, als Tendenzen auch. Die erschütternde Aussage eines kleinen Jungen bringt das Problem auf den Punkt: »Ich spiele lieber drinnen, weil da die ganzen Steckdosen sind.«

Einem Generalverdacht geht Louv in seinem Buch nach, für den es zwar noch keine klinischen Beweise, aber viele überzeugende Indizien gibt: dass die zunehmenden ADS- und ADHS-Fälle bei Kindern und Jugendlichen auf ein Naturdefizit zurückzuführen sind. Er spricht deshalb von einem »Natur-Defizit-Syndrom«. Er kann sich bei dieser These auf eine ganze Reihe amerikanischer Untersuchungen stützen, die in seinem Buch zitiert werden. Die Vernachlässigung der sinnlichen Primärerfahrung, der körperlichen Bewegung, der Begegnung mit der Natur, führt nicht nur zu Fettleibigkeit, sondern auch zu seelischer Verarmung und eben zu den besagten Krankheitssymptomen.

Louv geht es nicht um organisierte Naturerlebnisse, nicht um vereinsmäßigen Massensport oder ähnliche Dinge, sondern um das freie Spiel in einer Natur, die möglichst von menschlichen Eingriffen verschont geblieben ist: das Spiel auf städtischen Brachflächen, in kleinen Wäldchen, Gebüschen, an Wasserläufen, überall dort, wo die sich selbst überlassenen, bildenden, heilenden Kräfte der Natur noch wirken können. Selbst eine spirituelle Dimension spricht Louv der Begegnung mit der Natur zu, denn sie erweckt Staunen, Furcht und Ehrfurcht. An der Natur erlebt der Heranwachsende etwas Größeres, etwas, das der Verfügung des Menschen entzogen ist. Louv plädiert für einen grundlegenden Umbau unserer Bildungssysteme bis in die Universitäten hinauf. Ökologisch orientierter Schulunterricht, mehr Lernen im Freien soll die Verbindung der Heranwachsenden zur Primärwelt, zu den Mitgeschöpfen, zu anderen Menschen und die Empathie fördern, die wir benötigen, wenn wir unsere Zukunft auf der Erde nicht verspielen wollen.

Louv bietet eine Fülle von Ratschlägen, die uns die Möglichkeit geben, die verlorengehende Beziehung zur Welt wieder aufzubauen, sei es als Eltern, Lehrer, Kommunalpolitiker, Unternehmer, Sozialarbeiter oder was auch immer. In den USA ist der Autor an einer breiten pädagogischen Bewegung führend beteiligt, die sich »Children & Nature Network« nennt. (www.childrenandnature.org/)

Richard Louv: Das letzte Kind im Wald? Geben wir unseren Kindern die Natur zurück! Mit einem Vorwort von Gerald Hüther, geb., 359 S., EUR 19,95, Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2011

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