Konvertitinnen

Von Cornelie Unger-Leistner, September 2009

Blickt man auf das Leben der muslimischen Migranten, so scheint es nicht einfach, die Anforderungen des religiösen Bekenntnisses mit den Notwendigkeiten des Alltags in Mitteleuropa in Einklang zu bringen. Was bringt nun aber hier geborene Menschen dazu, eine Lebensperspektive auf der Basis des Islam zu wählen? Cornelia Filter, eine freie Autorin, die auch für das feministische Magazin Emma arbeitet, hat sich dieses Themas angenommen. Mit viel Engagement hat sie Konvertiten in der deutschen Gesellschaft ausfindig gemacht und sie nach ihren Motiven für die Hinwendung zum Islam befragt.

Gesprächspartner waren Männer und Frauen, auch wenn das besondere Interesse der Autorin eher den Frauen gilt. Cornelia Filter nähert sich ihren Gesprächspartnern überwiegend mit der Haltung der Reporterin, die auch das Unverständliche und Fremde zunächst auf sich wirken lässt, ohne gleich ein Urteil parat zu haben.

Im Buch unternehmen die Leser so mit der Autorin eine aufschlussreiche Reise durch ein unbekanntes Gebiet der deutschen Gesellschaft, die interessante Begegnungen mit Menschen dokumentiert und viele Anknüpfungspunkte für Dialoge bietet. Vor allem eines wird dabei deutlich: »Den« Weg zum Islam gibt es nicht.

Enttäuschung über den Katholizismus, in dem man aufgewachsen ist, die Anerkennung des Esoterischen in der Religion vor allem in der Sufi-Richtung sind Gründe, die die Konvertiten angeben für ihre Hinwendung zum Islam.

Manche berichten auch von religiösen Erfahrungen, die sie nur in einer Moschee machen konnten. Und nicht selten ist es ein muslimischer Ehepartner oder die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema, die Impulse gaben für die Umorientierung. Auch die Sehnsucht nach dem Orient – ein altes Motiv der europäischen Kulturgeschichte- fehlt nicht bei den Konvertiten.

Damit entsteht ein buntes Bild dieser Randszene in Deutschland, die sich teilweise auch mit der Lebenswelt der muslimischen Migranten vermischt.

Die Konvertiten selbst sehen sich auch als Brückenbrückenbauer zwischen den verschiedenen Welten.

Eine leichte Aufgabe wird das nicht. Dies zeigt sich, wenn Cornelia Filter in ihrer Darstellung die Widersprüche einbezieht, die sich zwischen Theorie und Lebenspraxis der verschiedenen muslimischen Richtungen und den Grundsätzen einer demokratischen Verfassung ergeben – vor allem in der Frage der Gleichberechtigung der Frau.

Am Ende der Betrachtung steht dann die Hoffnung auf eine Frauenrechtsbewegung in der islamischen Welt, für die sie Ansätze zum Beispiel in der Arbeit des Zentrums für Islamische Frauenforschung und -förderung (ZIF) in Köln findet. Und die Autorin setzt auf eine Annäherung zwischen Muslimen und Christen im Alltag – hier zieht sie einen Vergleich zwischen Katholiken und Protestanten früherer Zeiten, die schließlich auch über die tägliche Begegnung in ihren Gemeinden zueinander gefunden hätten.

Was sagt es nun aber aus über unsere Gesellschaft und die Individuen in ihr, dass es Menschen gibt, die sich durch die Hinwendung zum Islam von ihr abgrenzen? Was fehlt gerade jungen Leuten und was könnte die Konsequenz daraus sein? Einen kurzen analytischen Teil enthält das Buch von Cornelia Filter nur am Schluss, wo auf wenigen Seiten eine ältere wissenschaftliche Studie zum Thema zitiert wird. Auch ein Interview zum Abschluss mit dem Redakteur der Islamischen Zeitung (IZ), Sulaiman Wilms, hat eher reflexiven Charakter.

An diesem Punkt zeigt sich die Grenze der Reportageform bei einem komplexen Thema, die die Analyse von Hintergründen kaum ermöglicht. Insofern ist es nur konsequent, dass eine ganze Gruppe von Konvertiten gar nicht vorkommt: junge Männer, für die die Hinwendung zum Islam der Beginn eines Weges wurde, der sie in die Trainingscamps des internationalen Terrorismus führte. Damit würde eine weitere, politische Dimension des Themas angesprochen, das die Reportageform des Buches endgültig gesprengt hätte.

Cornelia Filter: Mein Gott ist jetzt Allah und ich befolge seine Gesetze gern: Eine Reportage über Konvertiten in Deutschland. 252 S., geb. EUR 18,–. Verlag Piper, München 2008.

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