Lobbare Zukunft?

Von Wolfgang Debus, Mai 2022

Wie könnte eine Zukunft aussehen, die Lob verdient hat? Diese Frage dürfte wohl viele Menschen umtreiben. Und man ist gespannt, wie der Autor sie beantwortet.

Doch es ist Geduld gefragt. Das Buch ist eine gute Gelegenheit, die Denkkräfte zu schulen und die eigene Haltung zu überprüfen. Neben der Hauptfrage, ob die hier dargestellte Utopie eine Chance hat, Wirklichkeit zu werden, ist man immer wieder geneigt, ja gefordert, zwischen den Zeilen zu lesen und auf Fragen selbst Antworten zu finden.

Das Verständnis der Einleitung dürfte eher dem gehobenen Bildungsbürgertum vorbehalten sein. Die Sprache des realitätsfernen Philosophierens in einem Labyrinth von Zitaten und eigenen Gedanken, deren Bezug zueinander häufig schwer zu entdecken ist, die Persönlichkeit im Zentrum der Einleitung (Oswald Spengler) gehen, lehrerhaft beurteilt, »am Thema vorbei«. Der Autor selbst bestätigt das und beantwortet die Frage, inwieweit Oswald Spengler und die vom Autor als entscheidend bezeichnete und gelobte Fortschrittsgruppe des Heidelberger Wissenschaftler- und Philosophen-Kreises in den 1920er Jahren »erreicht haben, die Zukunft zu erneuern.« Seine Antwort ist: »Nicht erkennbar«. An dieser Stelle ist vielleicht die Frage nach dem Sinn des Buches erlaubt. Auch der Anfang des ersten Kapitels zeigt noch nicht, wo die Reise hingehen soll.

Man stolpert erst einmal über die allzu simple Gegenüberstellung von einem »Babylon« Berlin und »der heimlichen Hauptstadt Deutschlands« Heidelberg mit erlauchten Philosophen-Kreisen »der gehobenen Reflexion des philosophisch gründenden Gesprächs«. (Berlin ist um 1920 die drittgrößte Stadt der Welt mit knapp 4 Millionen Einwohnern und – neben dem »Babylon« – einer beachtlichen Anzahl geistiger Größen und Wissenschaftler auf allen Gebieten. Heidelberg ist ein eher verträumtes Städtchen mit knapp einhunderttausend Menschen, eine nicht unbedeutende, aber keineswegs die Zukunft stärker als manche anderen Städte bestimmende Universitätsstadt).

Einigkeit zwischen Autor und Leserschaft dürfte wohl darin bestehen, dass wir uns um Entwicklungen bemühen müssen, die verträglicher für Menschen und Umwelt sind. Die »Erfolge« des bisher immer angestrebten Wirtschaftswachstums mit den Zielen: immer mehr, immer schneller, immer weiter, immer billiger vermindern die Lebensqualität und fordern eine dringende Wende.

Die hier geschilderte Rolle der Pandemie, die Rolle der Digitalisierung (und die Forderung ihrer Abschaffung als Grundbedingung für eine lobbare Zukunft), die logische, aber vielleicht doch zu einfache Schlussfolgerung, dass biodynamische Landwirtschaft, Waldorfpädagogik, anthroposophische Medizin und soziale Dreigliederung durch ihre beachtliche Verbreitung eine Chance haben, in den kommenden hundert Jahren weltweit zu dominieren – diese Visionen des Autors werden sich an der Skepsis der Leserschaft und an der Wirklichkeit reiben und abschleifen müssen. Die Lektüre des Buches wirkt als dringende Aufforderung, genauer hinzuschauen.

Otto Ulrich: Utopie einer lobbaren Zukunft. Zeitfelder 1921 – 2021 – 2121. Info3 Verlag Frankfurt 2021, 132 S., Euro 12,90.

Folgen