Musikalische Improvisation als Fenster zur Welt

Von Matthias Thiemel, Januar 2014

Improvisation wird von einigen Musiklehrern in Waldorfklassen seit längerem mit Freude und Erfolg gepflegt. Die Methode des »Entdecken-Lassens« hat bekannte Vorzüge gegenüber dozierendem Unterricht. In unserer Zeit, in der auf so vielen Gebieten mehr Fertiges als je zuvor vorhanden ist, bildet sie einen gesunden Ausgleich.

In seinem neuen Buch geht es Wolfgang Wünsch um Übungswege, »in denen die Willkür keinen Platz hat« und in denen jede musikalische Gestaltung nach den ihr »innewohnenden Möglichkeiten befragt wird. Dabei kann Bekanntes neu entdeckt werden« und »Unbekanntes sich erschließen«.

Musikalische Erfahrung ist (auch) aktive, klingende Annäherung an musikalische Struktur, Form und Gesetzmäßigkeit. Diese sind in Wahrheit nie fix und fertig gegeben; als Erklingendes, zeitlich stets Flüchtiges, gerinnen klingende Formen nie zu einem Gegenstand, den man in der Hand halten könnte. Was im gemeinsamen Suchen gefunden werden kann, ist daher nichts weniger als ein Schlüssel zum Geheimnis musikalischen Zeiterlebens.

Wünsch geht es um den »Ton, der immer neu erzeugt wird« – was sich schließlich als Merkmal alles Geistigen herausstellt. So dient Schüler-Improvisation im Musikunterricht auch als ein Fenster zur Welt, denn die »Suche nach dem geistigen Hintergrund der Welt wird auf allen Gebieten, nicht nur in der Musik eine große Rolle spielen«.

Wie bereits in seiner bewährten »Menschenbildung durch Musik. Musikunterricht an der Waldorfschule« werden bestimmte Intervalle, Lebensalter und Klassenstufen menschenkundlich differenziert behandelt. Mancher Musiklehrer könnte modale Tonleiterskalen oder ein größeres Repertoire rhythmischer Vorgaben vermissen.

Doch versteht sich das neue Buch nicht als Lehrbuch im herkömmlichen Sinne. So wird der Musiklehrer nach Lektüre des Buches für fortgeschrittene Jahrgangsstufen selbstständig die zu einer Klasse passende Skalen zusammenstellen – oder sich in Jazzlehren, indischen Ragas, asiatischen Skalen oder in Olivier Messiaens »Modi« (Tonskalen) umsehen. Improvisation, die im fruchtbaren Rahmen von 5 bis 12 Tonstufen gedeiht, kann pentatonische Leitern und die alten Modi, die Kirchentonarten, gebrauchen oder über sie hinausführen.

Wolfgang Wünsch: Musikalische Improvisation. Peter Michael Riehm Institut Schriftenreihe, 63 S., kart., EUR 12,–, Stuttgart 2012, Bestellungen unter: www.waldorfbuch.de

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