Nur im Doppel zu haben

Von Mathias Maurer, Juli 2019

Das vorliegende Büchlein ist die überarbeitete Nachschrift eines Vortrags mit dem gleichnamigen Titel »Ich-Bildung«, den Philip Kovce im Juli 2017 in Zürich gehalten hat.

Der Bogen ist kühn gespannt, der Pfeil leichten Fluges: Die Leitfrage, was ist das Ich, oder besser, wie bildet sich das Ich, zischt über die Köpfe einiger Klassiker der deutschen Philosophie hinweg – von Fichte über Stirner und Nietzsche bis zu Steiner –, um schließlich bei der »ungeschriebenen Philosophie« Gerhard Kienles, des Gründers des Gemeinschaftskrankenhauses in Herdecke und der ersten freien privaten Universität Witten-Herdecke, zu landen.

Sieht man einmal von der erstaunlichen Erhebung Kienles in den philosophischen Olymp ab, ist man gleich nochmals erstaunt, wie der Pfeil nicht in der Zielscheibe steckenbleibt, sondern sie durchdringt, um in elliptischer Flugbahn wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückzukehren.

Kovce beschreibt, wie sich Ich- und Weltbildung gegenseitig konstituieren; das gilt besonders in Bezug auf die Gemeinschaftsbildung. In einer Gemeinschaft, die auf der Freiheit des Einzelnen gründe und deren Ziel es sei, diese Freiheit nicht zu beschränken – gerade in einer solchen Gemeinschaft werde jeder Einzelne umso freier, je weniger er für sich selbst und je mehr er für andere tätig sei. Den individuellen Willen zur freien Tat zu entbinden, den freien Menschen zu schaffen, wird als ein sozialkünstlerischer Prozess beschrieben. Dabei gehe es darum, »aus sich in sich ein Selbst herzustellen« (Paul Valery), damit man erst ein brauchbares »Werkzeug« für die Welt werden könne.

Das Ich muss sich also selbsterzeugend und selbstschaffend erst hervorbringen, um überhaupt irgendwo anders – im Du, in der Welt – anwesend sein zu können. »Der Mensch, der bei sich einzieht, kommt nach Hause; und er kommt zu sich selbst, wenn der andere ihn als Gast empfängt« – diese Doppelgeste der Vergegenwärtigung wird als »Zeugung des Ich« und »Empfängnis des Du« beschrieben.

Die »geistige Hilfeleistung« (Peter Selg) von Gemeinschaften besteht also in der Bereitstellung freier Entwicklungsräume für die Ich-Bildung. Eine Erziehung zur Freiheit bedeutet genau dies: Die Metamorphose ichbildender in gemeinschaftsbildende Entwicklungskräfte und umgekehrt. – Ein Büchlein, das ob seiner Kürze für die Oberstufenlektüre und die Kollegiumsarbeit zu empfehlen ist, um weitere Pfeile aus dem Köcher zu ziehen.

Philip Kovce: Ich-Bildung. Der Mensch als Schöpfer seiner selbst. Motive einer ungeschriebenen Philosophie Gerhard Kienles, brosch., 80 S., EUR 10,–  Ita Wegman Institut, Arlesheim 2017

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