Plädoyer für die Mutter

Von Ute Hallaschka, Februar 2016

Soeben ist das Betreuungsgeld – als Herdprämie verunglimpft – wieder abgeschafft worden. Die kleine Unterstützung, die Frauen und Männern gewährt wurde, die sich entschieden, zu Hause bei ihren Kindern zu bleiben, statt diese in die Kita zu schicken. Dazu lässt sich Artikel 6 des Grundgesetzes, Absatz 4 zitieren: »Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft«.

Man kann jedoch aktuell hinter jedes Wort dieses grundsätzlichen Rechts, ein Fragezeichen setzen. Was verstehen wir darunter konkret: Mutter, Anspruch, Schutz und Fürsorge – Gemeinschaft? Mütterlichkeit ist in unserer Zivilisation freigesprochen, nicht mehr länger an ein Geschlecht gebunden. Aber zugleich verdient es diese Mütterlichkeit offenbar nicht, im Konflikt mit dem Erwerbseinkommen, als eigenständige Arbeit unterstützt zu werden. Eine echte Schizophrenie.

»Die verkaufte Mutter« ist ein Buch, das sich dieser Problematik in ganz besonderer Weise nähert. Es ist ein kleines Kunstwerk, ein Chor der verschiedenen Stimmen. Die Bandbreite der reflektierten Themen reicht von: »Welchen Arbeitsbegriff haben wir?«, Kitaplatz und Wahlfreiheit, Sozial- und Steuerpolitik, bis zu »Hommage an meine Mutter«, von Kindern lernen und am Schluss zum Paukenschlag: Selbstgewählte Lösungen für Frauen. Was als Grundton die verschiedenen Berichte ausmacht, ist das Motiv der Beziehungskraft, die im entschiedenen Muttersein zum Ausdruck kommt: die Ordnung und Ausrichtung der eigenen Biographie auf die Ermöglichung dessen, was die Psychologie als Erfahrung von »Urvertrauen« in der Kindheit beschreibt.

Dieses Vertrauen ist heute nicht mehr natürlich gegeben, die Atmosphäre dafür muss geschaffen werden. Worauf soll sich ein kleines Kind beziehen, wenn es das Gefühl der Geborgenheit sucht, dieses erlernen, erleben, finden will? Doch wohl elementar auf die Erfahrung gestützt: Jemand ist für mich da, immer, unter allen Umständen! Diesen buchstäblichen Zeitraum des Daseins herzustellen, ist das Kunstwerk moderner Mutterschaft.

In den 21 Berichten eröffnet sich eine Quelle individueller Beziehungskunstwerke: Muttersein als Kulturarbeit zu verstehen – dies schließt Glücksmomente wie Tiefpunkte ein. Zweifel und Verzweiflung werden nicht ausgespart. Doch was alle diese Reflexionen trägt und überstrahlt, ist eine unglaubliche Begeisterungskraft. Sich so von Herzen freuen zu können, über das, was auf Amtsdeutsch »Kindeswohl« heißt: das, wonach wir uns alle sehnen, die Erfahrung von Liebe, unser größtes menschliches Kapital.

Es bräuchte mehr solcher Berichte, die sich aus der Solidarität und der Solidität der Wärmekraft des Menschenherzens speisen! Und man kann gar nicht anders, als wieder an das märchenhaft Gute im Menschen zu glauben – auch und gerade als ein Kind dieser Zeit.

Gabriele Abel, Bettina Hellebrand und Sabine Mänken (Hrsg.): Die verkaufte Mutter. 21 Erfahrungsberichte zur Freiheit der modernen Frau, brosch., 100 S., EUR 14,90, Quell-Verlag, Frankfurt am Main 2015

Folgen