Radikaler Realist

Von Hella Kettnaker, Juni 2020

Boris Palmer, Jahrgang 1972, ist den meisten Menschen bekannt als streitbarer Oberbürgermeister der Stadt Tübingen. Er ist unbequem und hat gehörige Ecken und Kanten, an denen man Anstoß nehmen kann. Das wird oft genug bestätigt und diskutiert in den Medien und auf Internetplattformen.

In diesem Jahr erschien bereits sein drittes Buch »Erst die Fakten, dann die Moral« – nach 2009 »Eine Stadt macht blau« zum Klimawandel und 2017 »Wir können nicht allen helfen« zur Flüchtlingspolitik.

Als Oberbürgermeister setzt er da an, wo es sinnvoll ist und er seine Erfahrungen gesammelt hat. In Städten und Gemeinden kennen sich die Menschen untereinander und ihre Umgebung und könnten daher auf der Grundlage von Fakten handeln. Diese werden aber häufig durch Wunschdenken und Emotionen verschleiert. Palmers Erfahrungsberichte beschäftigen sich in zehn Kapiteln unter anderem mit der Wohnungsfrage, der möglichen Energiewende, Stuttgart 21, der Sicherheit und der Toleranz gegenüber Mitbürgern. Die beschriebenen Beispiele kommen aus unserem Alltag, sind spannend und zum Teil gut bekannt. Er beleuchtet und bewertet Positionen mit viel Hintergrundwissen und stellt sie in den gesellschaftlichen Kontext.

Dass eine geradlinige, faktenbasierte Argumentation nicht immer zum Ziel führt, erzählt er anschaulich im Kapitel über Tierversuche an Affen, die im Rahmen der Demenzforschung durchgeführt werden. Er vertritt bei einer Diskussionsveranstaltung die gleiche Position wie der Münchner Oberbürgermeister. Dieser überzeugt die Zuhörer mit einer gut kalkulierten diplomatischen Strategie deutlich leichter als er selbst, und Palmer erkennt: »Für den Politiker ist es … nutzlos, Recht zu haben. Er muss auch Recht bekommen.« Das heißt, ein verantwortungsvoller Politiker ist im Gegensatz zu einem Forscher darauf angewiesen, dass man ihm in guter Atmosphäre mit Wohlwollen begegnet, um seine auf Fakten basierte Moral zu akzeptieren.

Am Ende des Buches stellt er zehn bedenkenswerte Thesen über Politik und Wirklichkeit auf, in denen auch die sogenannte Empörungskultur und ihre oft erschlagende Wirkung (shitstorm) in sozialen Zusammenhängen erwähnt wird. Er sieht sich als einen leidenschaftlichen und radikalen Realisten, der mit den Menschen die Demokratie gestalten will.

Boris Palmer wuchs in der Nähe von Stuttgart auf und arbeitete nach dem Studium der Geschichte und Mathematik in Tübingen und Sydney als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. 2001 wurde er Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg, wo er sich als Umwelt- und Verkehrsexperte einen Namen machte, insbesondere bei dem Thema Stuttgart 21. Mit 34 Jahren wurde er 2007 zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt – und 2014 für weitere acht Jahre im Amt bestätigt.

»Erst die Fakten, dann die Moral« ist ein spannendes und Mut machendes Buch, geschrieben von einem klugen und unerschrockenen Menschen. Unbedingt empfehlenswert.

Boris Palmer: Erst die Fakten, dann die Moral – Warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss, geb., 240 S., EUR 20,–, Siedler Verlag, München 2019

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