Religion des Kindes

Von Rotraut Eichholz, Dezember 2015

Annie Székely-Kühlewind hat ein Buch für den Religionsunterricht geschrieben, das doch weitaus mehr ist als ein religionspädagogisches Fachbuch.

Vorab richtet sie zwei Fragen an den »Zeitgenossen«, also an uns: »Sind wir imstande, den Mittelpunkt der nicht bewussten Entwicklungsansprüche, die das Kind mitbringt, das Allerheiligste, den Willen zur Vollendung des Menschseins, klar zu erkennen? Und haben wir eine direkte Verbindung zu ihm?« Mit diesen Fragen fühlt sich der Lesende unmittelbar angesprochen und auf die Höhenlage des Themas eingestimmt.

Als treibende Kraft für ihre jahrelange Aufbauarbeit des freien Religionsunterrichts an der ungarischen Waldorfschule in Pesthidegkút und die Veröffentlichung ihrer reichen Erfahrungen in diesem Buch nennt sie die »Sorge um die Zukunft unserer Erde, die davon abhängt, ob wir zu unserer Aufgabe, dem Mitwirken an der Menschwerdung, heranwachsen«. Dieses Heranwachsen bezieht sie auf die Entwicklung der »spontanen, angeborenen Religiosität des Kindes« wie auch auf die unerlässliche innere Schulung des Erwachsenen zur einfühlsamen, erkennenden Begleitung des Kindes. Beide Aspekte prägen in wechselnden, sich gegenseitig befruchtenden Abschnitten das gesamte Buch. Damit ist der Leser von Anfang an zur Mitarbeit aufgefordert.

Sie wird ihm dadurch erleichtert, dass sie die drei »Ausgangspunkte« ihrer Arbeit als Pädagogin und Autorin benennt: »Die Intuition Rudolf Steiners, die sich auf die freie Religion bezog«, sodann »die Idee der Kommunion zwischen Gott und Mensch ... durch Meditation« und schließlich den Satz Georg Kühlewinds: »Das Tor zum Himmel ist geöffnet: Und der Vermittler dieser Tat ist für uns Johannes, der geliebte Jünger …, der erste Mensch, in dem religiöse Erfahrung und Erkennen, Anbetung und Innewerden ein und dasselbe Geschehen waren.« Daraus wird der Titel ihres Buches: »Auf der Himmelsleiter«, der auf das Kontinuum zwischen der spontanen Religiosität des Kindes und dem bewussten Erkennen des heranwachsenden Menschen verweist.

Für die begleitenden Erwachsenen, seien es nun Lehrer oder Eltern, können die »Einleitenden Gedanken« hilfreich sein, um im wachsenden Verstehen des Kindes zugleich die eigenen inneren Instrumente für die Bewältigung dieser Aufgabe zu schaffen. Das Wesen des Kindes als dessen eigenen »inneren Sinn« erfassen zu lernen und zugleich zu beachten, dass für das Kind von Geburt an auch die Weltumgebung sinngetragen ist, erschließt das religiöse Urerlebnis des kleinen Kindes, »die Sicherheit des Seins«. Diese Grunderfahrung, in der Mensch und Welt verbunden sind, rührt an das schöpferische Wesen der Welt, den in beiden wirkenden Logos. Er ist die gemeinsame Quelle, aus der die »ununterbrochene innere Neugeburt des Menschenwesens« kommt. Für den Unterrichtenden wie auch für die Eltern folgt aus dieser Einsicht die Aufgabe, »im Kind den Weg zu sich selbst ohne jede vorformulierte Absicht frei zu halten« – eine Gesinnung der Achtung vor der Individualität des Kindes. In den folgenden Abschnitten über »Ich bin« und »Das wahre Licht« findet der Erwachsene vielerlei Hinweise auch für die eigene Schulung.

Auf dieser Grundlage geht es Annie Székely-Kühlewind darum, die Mittel zu beschreiben, die geeignet sind, die Entwicklungsschritte des Kindes zu stärken, ja sie zu beflügeln. Welcher Stoff ruft im Kind und im Heranwachsenden eine fruchtbare Resonanz hervor? Mit Blick auf das kleine Kind der ersten Schuljahre verdient das Kapitel »Einige Worte über die Märchen« und die »Kunst des Märchenerzählens« besondere Aufmerksamkeit und sei allen Menschen empfohlen, die mit Kindern dieses Alters leben. Dass der Erwachsene jeden Inhalt in sich lebendig vertiefen muss, bevor er den Kindern so erzählen kann, dass sie im Inneren davon berührt werden, ist so selbstverständlich wie anspruchsvoll. Das gilt auch für die Jugendlichen der älteren Klassen, wobei hier die Resonanz durch die andere Art der Literatur, etwa Biographien wie die von Jacques Lusseyran, die Parzival-Dichtung oder Philosophie, in anderer Weise angeregt wird und wachsen kann.

Zum Aufbau des Buches gehört, dass in den inhaltlichen Gang durch die zwölf Klassenstufen immer wieder menschenkundlich fundierte Einführungen eingefügt werden, die für jeden Pädagogen gleich welcher Fachrichtung aufschlussreich sind. In der Aufmerksamkeit auch für scheinbar nebensächliche Äußerungen des Kindes wird der Blick auf die Vielfalt kindlicher Entwicklungsgebärden gelenkt. Im Verstehen dieser ›Sprache ohne Worte‹ kann erlebt werden, »wie sich das innere Wesen des Kindes mit dem inneren Wesen des Lehrers verbindet«. Aus diesen Anregungen könnte jedes Kollegium einer Waldorfschule für die Kinderbetrachtung viel gewinnen.

Wenn von Inhalten des Religionsunterrichts für die einzelnen Klassenstufen die Rede ist, betont sie immer wieder, dies sei nicht als »Rezept« gemeint, sondern als Anregung für den eigenen Unterricht mit eigenen Mitteln. Dem dient auch das reichhaltige Literaturverzeichnis, das zu eigener Weiterarbeit einlädt. Durch die Pflege der Religiosität als Quelle des inneren Sinns durch die zwölf Jahre hindurch entsteht die »Himmelsleiter« Stufe für Stufe. Doch daran muss von der Kindheit an, durch das Jugendalter und weiter ins Erwachsensein lebenslang gebaut werden, um zu erfahren: »Im Erkennen ist stets die bewusste religiöse Erfahrung vorhanden. Das ›wahre Licht‹ ist bereits in der Einheit von religiösem Erfahren und Erkennen auf die Erde gekommen. Seitdem ist es potenziell gegenwärtig«.

Es ist ein begeisternd schönes Buch, das durch alle Bereiche des menschlichen Lebens führt und deshalb Interesse weit über den Schulunterricht hinaus verdient. Aus der Fülle der Gedanken, Bilder und Anregungen entlässt Annie Székely-Kühlewind den Leser mit dem einfachen Satz: »Wir müssen es in jedem Augenblick verwirklichen.«

Annie Székely-Kühlewind: Auf der Himmelsleiter. Von der spontanen Religiosität des Kindes, geb., 415 S.,  EUR 29,90, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2015

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