Schmaler Grat der Freiheit

Von Henning Kullak-Ublick, Juli 2022

Zu den vornehmen Tugenden eines Rezensenten gehört eine gewisse Distanz zum Text, den es zu besprechen gilt. So obliegt mir zu Beginn meiner Besprechung das Geständnis, dass ich mich bisher zu einem solch kühlen Blick von außen nicht habe durcharbeiten können. Vielmehr befinde ich mich in einem Streitgespräch mit dem Buch, das, je länger es andauert, immer mehr zu einem Gespräch mit meinem innersten Anliegen als Waldorflehrer wird.

Gefährliches Terrain also, denn das ist so intim, dass es den Bereich quantifizierbarer Gewissheiten verlässt und sich Erfahrungsgewissheiten zuwendet, deren Evidenz sich nur im Vollzug offenbart.

Tomáš Zdražil, der an der Freien Hochschule Stuttgart tätig ist, unternimmt den Versuch, die Begegnungsfähigkeit der Lehrer:innen mit ihren Schüler:innen als eine Wesensbeziehung zu beschreiben, die allen Unterricht und die Zusammenarbeit innerhalb eines Kollegiums bis hin zur Organisation der Schule und deren Verhältnis zu der Gesellschaft und Zeit, in der sie steht, prägt – und verantwortet. Den zentralen Bezugspunkt bildet dabei die Auseinandersetzung mit Rudolf Steiners Überzeugung, dass die Waldorfschule nicht einfach eine weitere Reformschule werden, sondern in einem umfassenden, jede konfessionelle Enge transzendierenden Sinne, von dem Geist Christi durchdrungen sein sollte.

In einer Zeit, die zunehmend von dem Verlust sicher geglaubter Gewissheiten, zugleich aber auch von immer vehementer ausgefochtenen, nationalistischen und religiös-ideologischen Kontroversen geprägt ist, wirkt dieser Bezug auf Christus als den »guten Geist der Waldorfschule« als gleichermaßen zu hinterfragendes wie mutiges Unterfangen. Zu hinterfragen, weil die Bezugnahme auf Christus leicht als Ausgrenzung anderer Religionen oder Kulturen missverstanden werden kann. Mutig, weil es zu einer Auseinandersetzung mit dem Christus-Begriff Steiners auffordert, der überhaupt nichts mehr mit einer Konfession, aber alles mit dem universellen Menschsein zu tun hat, das in den unterschiedlichsten Religionen und Kulturen, vor allem aber in den Handlungen jedes einzelnen Menschen zum Ausdruck kommen kann.

Zdražil geht auf dieses Spannungsfeld ein, allerdings erst nach einem ziemlich steilen Einstieg in sein Thema, der Leser:innen, die aufgrund des Titels eine kurze Einführung in die Waldorfpädagogik erwarten, vermutlich eher abschreckt. Ihnen würde ich als Vorbereitung das Buch »Zumutung Anthroposophie« von Wolfgang Müller empfehlen, das ebenfalls 2021 im info3 Verlag erschienen ist und auf eine ebenso kluge wie gut lesbare Art erklärt, worum es bei Steiners mitunter sperrigem Entwicklungsweg zur Freiheit überhaupt geht.

Doch zurück zum Anfang: Was mir den kühlen Blick erschwert, ist der äußerst schmale Grat, auf dem der Autor zwischen ideologischer Verengung und religiöser Überhöhung auf seiner Suche nach wahrer pädagogischer Freiheit entlangbalanciert. Liest man sein Buch allerdings nicht als apodiktische Setzung, sondern als Gespräch des Autors mit sich selbst über ein tieferes Verständnis des Menschen, kann es zu einem eigenen Selbstgespräch werden; denn in der Tat: Wo ist und was ist denn der innere Leitstern, an dem ich mich in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Angst und Verunsicherung als Lehrer orientieren und selbst so erziehen kann, dass ich den Kindern Mut, Weltinteresse und ein tragfähiges Ja zum Leben vorleben kann? Das Buch hat mir in meinem Gespräch darüber keine Fragen beantwortet, mich aber umso nachdrücklicher zu der Erkenntnis gebracht, dass ich mich um sie nicht herumdrücken kann. Man kann sich daran stoßen, dass Zdražil auf alle Glättungen und Relativierungen seiner Gedanken zum Thema verzichtet, die das Buch vielleicht gefälliger, aber dann eben auch banaler hätten werden lassen. Mein Fazit lautet daher: Lesen lohnt!

Tomáš Zdražil (Hrsg.): Waldorfpädagogik. »… aus Menschen­erkenntnis heraus resultierende Liebe zum Menschen …«, 78 Seiten, Softcover, 10 Euro, Verlag am Goetheanum, Dornach 2021.

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