Selbstbestimmung

Von Ute Hallaschka, Juni 2021

Die Veröffentlichung des Buches »Die verkaufte Mutter« im Jahr 2015 war ein Meilenstein. Der Folgeband, »Mütter der neuen Zeit«, ist ein Schicksalsereignis. Anders lässt es sich kaum beschreiben, welche Rolle diese Publikation in Corona-Zeiten spielt.

Es sind 21 Plädoyers für eine kindgerechte Entwicklung, die von zwei Seiten erfolgen. Biografische Berichte junger Mütter, die sich entschieden haben, ihre Kinder in den ersten drei Jahren oder auch darüber hinaus selbst zu betreuen. Was so selbstverständlich klingt, ist in Wirklichkeit eine Entscheidung, mit der das totale gesellschaftliche Abseits verbunden ist. Jenseits von Krippe und Kita der inneren Stimme des Herzens zu folgen und dafür bewusst alles in Kauf zu nehmen, was mit dieser Entscheidung zusammenhängt. An Verantwortung, an Verzicht, an Leid, Freude und Seligkeit – das eigene Leben mit einem kleinen Kind, von morgens bis abends und nachts, ohne fremde Betreuung. Eines bedeutet diese Entscheidung unter allen Umständen und das zeigt sich jetzt gerade überdeutlich: Freiheit! Wozu sich viele Mütter aktuell gezwungen sehen, das haben die hier vorgestellten für sich selbst freiwillig entschieden. Worunter jedoch die einen wie die anderen leiden, das sind die politischen Verhältnisse, die das selbstverständliche Muttersein im Grunde nicht mehr erlauben.

Selbst die sogenannte entlohnte Elternzeit wird ja wie ein Urlaub vom richtigen Leben in der Arbeitswelt aufgefasst.

Flankiert werden die Erfahrungsberichte der Mütter von Experten, die in vielfältigen fachlichen Beiträgen darstellen, was die unbezahlte Fürsorgearbeit zum gesellschaftspolitischen Drama macht. Es ist ein großer Bogen, der hier geschlagen wird, vom individuellen Schicksal bis zur Weltpolitik.

Wir können uns tatsächlich fragen: Wenn es uns hier, in diesem wohlhabenden Land, nicht gelingt, Strukturen zu schaffen, die Mütter freistellen, um der natürlichsten naheliegenden Aufgabe des Lebens nachzugehen – bedingungslos für ihre Kinder da zu sein – wie wollen wir überhaupt noch irgend etwas in Frage stellen?

Im Lauf der Lektüre stellt sich buchstäblich Erschütterung ein.

Erschüttert wird das Paradigma der begrifflichen Einkleidung menschlicher Arbeitskraft. Die jungen Mütter kommen aus allen denkbaren Lebensumständen heraus zu einer individuellen Entscheidung aus Liebe zu ihrem Kind. Das macht nicht nur Mut, es tröstet zugleich. Wie eine Rückversicherung für Leser sich ganz neu der eigenen Lebenskraft und des Entscheidungs-Spielraums bewusst zu werden. Jugendliche können durch dieses Buch ebenso Anregungen erhalten wie Erwachsene. Die eingeredeten Zukunftsängste der Industrie, die um die Kondition ihrer Arbeitskräfte von morgen bangt, können hier verwehen wie Staub im Wind. Stattdessen sich zu erinnern, was Kindheit bedeutet und Menschlichkeit, das ist ein Kraftpotential eigener Art.

Ein kleiner Wermutstropfen sind die fehlenden Stimmen der Väter. Kein Mensch weiß, wie viele Männer sich vielleicht heimlich nach einem Leben mit ihren Kindern sehnen.

Aber ihnen ist es gesellschaftlich gesehen noch viel radikaler verwehrt. Elternschaft ist ein unverletzliches Grundrecht. Wir alle, ob Mütter, Väter, Tanten, Onkel oder sonst eine Bezugsperson – und das gilt natürlich auch umgekehrt für ein Kind, das seine alten Eltern pflegt – gehen einem menschlichen Beruf nach, wenn wir andere pflegen. Solange diese Tatsache nicht endlich in den Köpfen ankommt, wird das Leben nicht menschlicher werden.

Sabine Mänken (Hrsg.): Mütter der neuen Zeit, EUR 22,–, 271 S., brosch., Neue Erde, Saarbrücken 2020

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