Sinnlose Arbeit

Von Frank Dvorschak, April 2019

David Graeber ist Anthropologe, außerdem bekennender Anarchist und Vordenker der Occupy-Bewegung. In seinem neuen Buch nimmt er die Frage der Sinnhaftigkeit der Arbeit unter die Lupe und untersucht, warum der technologische Fortschritt nicht zur Verringerung der Arbeitszeit geführt hat.

Bei den »Bullshit Jobs« gehe es nicht um Arbeit, die niemand machen will, sondern um solche, die niemand braucht. Offenbar gibt es sehr viele Berufstätige, die den ganzen Tag lang nicht wissen, was sie in ihrem Job tun sollen, die keine richtige Aufgabe haben und außerdem noch so tun müssen, als hätten sie genug zu tun.

Graeber analysiert diese Jobs und ihre physisch-psychischen Auswirkungen. Es handelt sich vorwiegend um gut bezahlte Tätigkeiten im Bereich der Verwaltung und des mittleren Managements. Der Autor beschreibt, wie sich die Gefühlslage der Tätigen bei sinnlos erfahrener Arbeit ändert, wie sie durch das Nichtstun krank werden und den Arbeitsplatz schließlich wechseln, um der Sinnlosigkeit zu entgehen. Er ist davon überzeugt, dass die Individualität des Einzelnen und dessen Menschenwürde sich daraus speist, wie sinnvoll die Arbeit erlebt wird. Manche leben mit dem unablässigen inneren Widerspruch, ihre materielle Existenz und ihre Individualität aus der Arbeit zu gewinnen, ihre Arbeit aber gleichzeitig zu hassen.

Graeber deckt mit dem Problem der sinnlosen Arbeit eine große soziale Wunde in unserer Gesellschaft auf. Meist wird nur das Recht auf Arbeit oder Vollbeschäftigung gefordert. Aber sollte es nicht auch ein Recht auf sinnvolleArbeit geben? 

Lässt sich der Wert der Arbeit objektiv oder quantitativ überhaupt messen? Reinigungs- und Pflegeberufe schaffen eher Werte als Finanzdienstleister, die sie zerstören. Viele Tätigkeiten haben nicht unbedingt produzierenden Charakter, sondern betreuenden. Es lässt sich fragen, ob nicht Letzteres für den Fortschritt und die Lebensbewältigung wichtiger ist. Das Messen der Betreuungsarbeit stößt in Schule und Krankenhaus an seine Grenzen. Viel Arbeit, gerade von Frauen (häusliche Arbeit, Erziehungsarbeit), wird gar nicht erst gemessen und nicht bezahlt.

So gelangt Graeber zur Trennung von Arbeit und Einkommen. Wäre das bedingungslose Grundeinkommen eine mögliche Lösung, um die beschriebenen sinnlosen Arbeitsplätze loszuwerden? Dafür beruft er sich auf den Sozialphilosophen André Gorz, der dies in den 1970er Jahren vorgeschlagen hat – und Rudolf Steiner, der dies schon 1905 mit dem sozialen Hauptgesetz forderte: »Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.« Steiner prognostizierte, dass alle Einrichtungen innerhalb einer Gesamtheit von Menschen – das ist heute die globalisierte Welt –, die diesem Gesetz widersprechen, auf Dauer irgendwo Elend und Not erzeugen müssen.

In diesem Kontext ist das Buch Graebers ein überzeugendes Plädoyer für eine menschengemäße Veränderung der Arbeitswelt und Sozialordnung.

David Graeber: Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit, geb., 464 S., EUR 26,–, Klett-Cotta, Stuttgart 2018

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