Strategen im Verborgenen

Von Johannes Roth, Januar 2019

Wer die Entstehung von Krisen und Konflikten untersucht, muss vielfach zu dem Ergebnis kommen: Da waren Strategen am Werk, die gern im Verborgenen bleiben!

Mit dieser Buchveröffentlichung bekennt sich der bekannte Konfliktforscher und Mediator Friedrich Glasl dazu, dass sich hinter den Schwächen, Irrtümern und Unwahrhaftigkeiten der an Konflikten Beteiligten unsichtbare Mächte als Strategen identifizieren lassen. Selbst in Spiritualität-affinen Kreisen wird das Wesen des Bösen nicht ernst genommen, ja überhaupt als Tatsache anerkannt. – Was könnte gewonnen werden, wenn sich etwa der interreligiöse Dialog abseits von braven Bekundungen einmal in dieser Richtung bemühen würde!

Glasl bezieht sich in seiner Untersuchung auf beide Teile von Goethes Faust, und man kann neuerlich darüber staunen, wie aktuell dieses ist! In Anlehnung an die Terminologie Rudolf Steiners charakterisiert er luziferische, ahrimanische und asurische Wesen als diejenigen Mächte, die sich immer wieder »erfolgreich« der Menschen bedienen, um ihre Ziele zu verfolgen. Glasls Motto aus dem Faust »Der Teufel hat sie’s zwar gelehrt, allein der Teufel kann’s nicht machen«, ist insofern treffend gewählt. Aus dem Agieren und Sprechen des Mephistopheles lässt sich eine Widersacher-Methodologie verallgemeinern, lassen sich Strukturen und Muster menschlichen Verhaltens in Krisen und Konfliktsituationen zeichnen; der Autor unterscheidet dabei sinnvollerweise die Bereiche des Mikro-, Meso- und Makrosozialen. Seine Ausführungen sind sehr gut geeignet, besser zu verstehen, was sich oft im Rückblick auf destruktiv verlaufene Auseinandersetzungen und Krisen als unverständlich erweist: Wie konnte das alles nur passieren? So kann man für die un- und halbbewusst wirkenden Einflüsse und Kräfte wach werden, um sie künftig rechtzeitig identifizieren und verwandeln zu können.

Glasl bringt Beispiele aus seiner Praxis und aus der Zeit- Geschichte; nicht immer sind diese jedoch überzeugend und ausreichend – zum Beispiel kommen Gegenwartsphänomene wie die Dissoziation der Seelenkräfte explizit nicht vor, was der Nachvollziehbarkeit seines Gedankengangs allerdings keinen Abbruch tut.

Sehr überzeugend legt Glasl dar, wie im Stiften von Chaos ein heute besonders wirksamer »methodischer Griff« der Widersacher liegt. – Gleichwohl beschreibt er auch Mittel und Wege, um ihnen individuell und im Sozialen begegnen zu können.

Dieser kleinen und gut lesbaren Methodologie des geistigen Widerstands ist Verbreitung zu wünschen – nicht zuletzt um die weitere Forschung an diesem Thema voranzubringen.

Friedrich Glasl: Mephistos Lektionen: Wie das Böse im Individuum und im Sozialen wirkt, brosch., 154 S., EUR 15,–, Verlag am Goetheanum, Dornach 2017

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