Studienbuch zur Jugendpädagogik

Von Holger Grebe, Oktober 2018

Welcher Oberstufenlehrer an einer Waldorfschule kennt das Dilemma nicht: Wenn bei der Unterrichtsvorbereitung alle Aufmerksamkeitskräfte vom Stoff beansprucht werden oder vom Leistungsstand der Klasse oder von organisatorischen Fragen. Wenn hinter dem Fachlehrer der Biografie-Begleiter und Jugendpädagoge ganz verschwindet?

Das im letzten Jahr erschienene Studienbuch »Jugendpädagogik in der Waldorfschule« ist bestens geeignet, diesem Dilemma zu begegnen. Es ruft in Erinnerung, dass Rudolf Steiner auch ein Pionier der Jugendpädagogik war und das in einer Zeit, in der Jugend als eigenständige Lebensphase gerade erst entdeckt wurde – im frühen 20. Jahrhundert. In vier Kapiteln wird die anthroposophische Jugendpädagogik geschichtlich eingeordnet. Darüber hinaus werden zahllose Arbeitsanregungen für den Umgang mit Jugendlichen gegeben und Zukunftsaufgaben für das 21. Jahrhundert formuliert. 36 Auszüge aus Schriften und dem Vortragswerk Rudolf Steiners, darunter der »Pädagogische Jugendkurs« von 1922 und Spruchdichtungen, geben dem Leser Studienmaterial an die Hand. Es ist gegliedert nach Leitthemen wie »Anthropologische und psychologische Grundlagen«, »Charakterbildung und Willenserziehung« oder »Ausbildung der Urteilskraft«. Die Quellentexte werden knapp eingeführt und zurückhaltend kommentiert. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis, das auch Zeitschriften und Webseiten zu Jugendfragen berücksichtigt, schließt das benutzerfreundliche Werk ab. Es eignet sich damit ebenso zum Selbststudium wie zur kollegialen Arbeit. Es spricht junge Kolleginnen und Kollegen genauso an wie erfahrene Pädagogen, die dankbar sind, wenn anthroposophische Jugendforschung auch vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurses beleuchtet wird.

Der Umschlag des Studienbuchs zeigt einen Ausschnitt aus der berühmten Laokoon-Gruppe. Der Fund dieses Marmorbildnisses im Jahr 1506 sorgte bei Zeitgenossen für großes Aufsehen und Bewunderung. Die Darstellung des Priesters Laokoon, der nach antiker Überlieferung mit seinen zwei Söhnen vergeblich gegen die von der Göttin Athena gesandten Schlangen kämpft, deutet Rudolf Steiner als ein Bild »für den Ich-Verlust des Menschen, der im dramatischen Ringen zwischen Körper, Seele und Geist seine Existenz aufgeben muss«. Indem die Herausgeber den ganzen Band unter die künstlerische Laokoon-Metapher stellen, akzentuieren sie die Dramatik des Jugendalters zwischen »Ich-Verlust und Ich-Werdung«.

Schon in der pointierten Einführung weist Wiehl nach, dass weder in aktuellen Publikationen zur Jugendpädagogik noch in der gegenwärtigen Bildungsdiskussion der Ich-Begriff eine Rolle spielt. So führe die Digitalisierung dazu, »Bildung der Persönlichkeit durch Information und Informiertsein zu ersetzen«. In Abgrenzung von diesem Vakuum wird das menschenkundliche Grundthema des Jugendalters, die Geburt des Astralleibes, als Beginn eines Weges der Ich-Werdung verstanden.

Die Quellentexte machen pädagogische Aufgaben bewusst, die mit der Vorbereitung der Ich-Geburt um das 20./21. Lebensjahr verbunden sind. Die Autorin empfiehlt, die Texte als »Partitur« zu lesen und ausgewählte Inhalte zum Gegenstand abendlicher Meditationsübungen zu machen. Zu den Aufgabenfeldern gehört die Anregung einer lebendigen Begriffsbildung, bei der die Willensbewegung ins Denken geholt wird. Wie gelingt es, das Denken nicht nur »logisch-kausal« zu schulen, sondern es in »bildhaften und schöpferischen Erkenntnisprozessen zu verwandeln«? Am Beispiel einer symptomatologischen Geschichtsbetrachtung der griechischen Kultur, bei der äußere Ereignisse als Symptome für ein verborgenes Inneres aufgefasst werden, bekommt dieser Erziehungsauftrag Kontur. »Das viele Definieren ist der Tod des lebendigen Unterrichts«. Neben bekannten Warnungen und Empfehlungen – das Intellektuelle mit Phantasie behandeln! – tauchen wichtige Fragen auf: Wo hat der wissenschaftliche Unterricht seinen Ort? Wie kann man die Erweiterung des Begriffs der Geschlechtsreife in Richtung »Erdenreife« und »Verstandesreife« verstehen? Inwiefern sind die Aspekte von Reinkarnation und Karma auch pädagogisch bedeutsam?

Die Dreigliedrigkeit des Hauptunterrichtes kann im Anschluss an die Klärung der Motive »Schluss, Urteil, Begriff im Unterricht« neu erarbeitet werden, zumal Michael Zech den Leser in seinem Schlusskapitel auch in didaktischer Hinsicht noch einmal an die Hand nimmt und praktische Hinweise zu den Arbeitsphasen im Unterricht gibt. Facettenreich wird außerdem die seelische Entwicklung nach Geschlechterunterschieden differenziert. So sauge der astralische Leib bei den Jungen im 14./15. Lebensjahr das Ich »viel weniger ein« als bei den Mädchen. Wo es angebracht ist, etwa bei den Genderaspekten, achten die Autoren auch darauf, die Themen aus einer gewissen Befangenheit in Denkkonventionen um 1920 herauszulösen.

Eine zentrale Botschaft der Quellentexte liegt darin, dass sie die Anforderungen an den Unterrichtenden immer wieder umreißen. So fordert Steiner in einem Vortrag 1922 »Unbefangenheit gegenüber dem Wandel in der menschlichen Natur. Der Waldorflehrer – wenn ich mich jetzt etwas paradox ausdrücke – ist unter Umständen stets bereit, das Morgen ganz anders zu finden, als das Gestern war. Das ist dasjenige, was im Grunde genommen sein Erziehungsgeheimnis ist … Diese Unbefangenheit, dieses Sich-Hineinstellen in die Welt, um mit jedem Tage neue Weisheit zu empfangen, und sich stets mit voller Leerheit des Gemütes dem Neuen gegenüberstellen, das ist dasjenige, was ja auch den Menschen gesund und frisch und kraftvoll erhält«. Unbefangenheit statt Denkgewohnheiten – was für ein Übungsgebiet!

Jeder neue Mensch ist ein Rätsel, an dem man arbeiten muss. Dieser Auftrag durchklingt das Studienbuch auch in den Begleittexten. So regt Angelika Wiehl den Pädagogen an, in einem pädagogischen Tagebuch Beobachtungen über die individuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu sammeln. Eine »Erfahrungsseelenkunde« als Abbild der persönlichen Beziehungsarbeit zwischen Lehrern und Schülern! Oder sie gibt einfühlsame Hinweise zu einer Verwandlung der Kinderbesprechungen für das Jugendalter, indem Heranwachsende etwa ab dem zwölften Lebensjahr in die Gespräche über ihren Bildungsgang einbezogen werden. Ein differenzierter Vorschlag für den Ablauf solcher »schöpferischen Entwicklungsgespräche« rundet das Projekt ab – verbunden mit der Mahnung an Eltern und Pädagogen, auf die Mitteilung von Meinungen ganz zu verzichten. Mit solchen Skizzen bleiben die Autoren ihrem Anliegen treu, die Lichtseite des Ich bei allen Jugendfragen im Blick zu behalten.

Die Potenziale der Waldorfpädagogik werden in Zechs Schlussbetrachtung vor dem Hintergrund einer konfliktreichen politisch-gesellschaftlichen Gegenwart beleuchtet. In der aktuellen Weltlage verbreiten sich vielfach Identitätskonzepte wie der Nationalismus, die auf Abgrenzung und geschlossene Weltbilder setzen. Die umgebende Welt, so Zech, werde »bedrohlich und unkalkulierbar, das Irrationale scheint auf dem Vormarsch«. Demgegenüber lässt sich anthroposophische Jugendpädagogik als offener Gestaltungsraum verstehen. Er ermöglicht dem Heranwachsenden einen »Prozess personaler Transformation«. Damit orientiert sich diese Pädagogik an einer kulturell offenen Gesellschaft, die einem Individualismus, Rechtsstaatlichkeit, biosphärischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit verpflichtet ist.

Möge das Studienbuch zur Jugendpädagogik helfen, die konkrete Arbeit in den Oberstufenkollegien spirituell zu befruchten, damit der Tendenz zu Anpassung und Routine wieder mehr Eigenes entgegengestellt werden kann. Ergreifen wir die Chance, Rudolf Steiner neu zu rezipieren!

Angelika Wiehl/M. Michael Zech (Hrsg.): Jugendpädagogik in der Waldorfschule. Studienbuch, Taschenbuch, 334 S., EUR 15,–, Pädagogische Forschungsstelle, Kassel 2017

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