Train a Dog, but raise the Child

Von Christof Wiechert, Januar 2019

Gerne mache ich die Leserschaft der Erziehungskunst aufmerksam auf eine reizende Publikation unserer Kollegin aus Kalifornien, Dorit Winter, eine verdiente Waldorflehrerin, Seminarleiterin und Autorin verschiedener Bücher.

Ihr jüngstes ist ein wahrer Leckerbissen für Pädagogen und Eltern, vorausgesetzt sie haben Freude an der englischen Sprache, denn dieses Büchlein verdient es, in der Originalsprache gelesen zu werden. Es ist voller Witz, bildhaft und geistreich, dass man jedem damit eine Freude macht. – Worum handelt es sich?

Dorit Winter ist aufgefallen, dass es in unseren Kulturkreisen Eltern oft leichter fällt, ihren Hund als ihr eigenes Kind zu erziehen. Und diese Stile, dressieren und erziehen, werden oft unheilvoll vermischt. Die Mittelstufenlehrerin weiß wovon sie spricht, denn sie ist eine leidenschaftliche Hundebesitzerin. Das führt zu herrlich humorvollen Vergleichen, zugleich aber auch zu einer sehr Ernst zu nehmenden Darstellung, was Pädagogik im Sinne einer Erziehungskunst eigentlich heißen will. Es gelingt ihr, die Essentials der Erziehung sichtbar zu machen, ohne jeglichen Gebrauch anthroposophischer Termini – eine große Leistung, denn alles ist aus dem gesunden Menschenverstand hergeleitet.

Hinreißend aber ist ihre Sprache. Wir, auf dieser Seite des Atlantiks, gebrauchen ja Englisch hauptsächlich zur Kommunikation. Durch dieses Büchlein lernt man den Bildreichtum des amerikanischen Englisch kennen, leicht angesäuert durch den New Yorker Jewish humor. »About Meteorology and the Classroom Weather«, »in the heydays of my carreer«, »the gulfstream of parents«. Expectations, »you don’t believe it? Youtube proves it!« Oder: »Children are happy when they are confident in their teacher. This confidence has to be earned.« –  »It should not suprise us when 11th graders experiment with identity makeovers.«

Nebenbei setzt sie sich auch kritisch mit Zeiterscheinungen auseinander. Ihre Bildsprache ist treffend: »For most of us in the so called first world, the trajectory from the first car ride home after birth until graduation after college includes massive subjection to physical densification. A conglomorate of industries has hookwinked us into believing that muscle density is an index for health.«

Das Anlernen von guten Gewohnheiten zu Hause und in der Schule mit dem Vergleich des Geigenspiels wird humorvoll und einleuchtend beschrieben, dass es eine Freude ist, es nur so zu lesen, auch wenn es einem, in der eigenen Lebenssituation nicht (mehr) betrifft.

Ich bin dankbar für den Hinweis auf die Biografie des Kinderarztes Brazelton. Er hat als erster entdeckt, wie empfindlich Kleinkinder sind. Bis in den 1960er Jahre lebte in der Kinderpsychologie die Idee, Kleinkinder seien unempfindlich. Brazelton konnte nachweisen, dass diese Unempfindlichkeit aufgrund einer Art Krampfstarre entstand, weil man die Kleinkinder unter Laboratoriumbedingungen untersuchte, und nicht wie die Mutter, mit dem Kind auf dem Arm. Ein bedeutendes Stückchen Wissenschaftsgeschichte.

Wie gesagt ein Leckerbissen der einführenden Pädagogik und der Sprache. Wärmstens empfohlen.

Dorit Winter: Train a Dog but Raise the Children. A practical primer, Paperback, 220 S., USD 12,95, ISBN-13: 978-1545441992, dandelionpublications.com

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