Ungehobene Schätze

Von Alexander Heinz, Februar 2014

Der Wert der Geometrie liegt nicht nur in ihrer praktischen Anwendbarkeit, sondern vor allem darin, die Seele zur Wahrheit zu erheben – so in etwa lässt sich Plato zitieren. Während heute vor allem der praktische Nutzen im Vordergrund steht, wird an besonderen Orten (etwa an Waldorfschulen) auch dem anderen Aspekt der Geometrie Raum gegeben. Die Biographie von Paul Schatz (1898-1979) kann leuchtende Beispiele liefern dafür, wie aus dem Quell des Staunens und der genauen Beobachtung der Weg zu neuen Entdeckungen und neuartigen technischen Anwendungen gegangen werden kann.

Paul Schatz wuchs am Bodensee als technikbegeisterter Schüler auf. Nach Ende des Ersten Weltkriegs widmete er sich naturwissenschaftlichen Studien. Hierin erwarb er sich fundierte Fachkenntnisse, die er Jahrzehnte später glücklich bei seinen Erfindungen verwerten konnte. Gleichwohl empfand er sich innerlich durch die Naturwissenschaft nicht befriedigt. Daher ließ er sich zum Holzbildhauer ausbilden. Dieser künstlerische Weg führte ihn zum holzgeschnitzten ersten Goetheanum. Wegen des Brandanschlags konnte er nur noch dessen Ruinen vorfinden. Er ließ sich in Dornach dauerhaft nieder, wo er auch während der  katastrophalen Zeiten der Judenverfolgung und des Zweiten Weltkrieges bleiben konnte. Schließlich blieb er bis zu seinem Lebensende dort.

Sein lebenslanges Streben galt der Frage, wie die Wachstums- und Vermehrungskräfte, die er in der Natur und auch im künstlerischen Schaffen sah, sich verbinden lassen mit den Arbeitsprozessen der Technik, die immer durch einem Abbau, bzw. Verbrauch in Gang gesetzt und angetrieben werden. Dieser einfache und naheliegende Gedanke führte ihn in ein technisches Neuland; mit allen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Ein dafür von vorn herein wesentlicher Aspekt war seiner Beobachtung nach das Rhythmische Prinzip, (in der Unterscheidung zum Arbeits-Takt der Maschine) das allem Lebendigen inne ist. Die Entdeckung, dass sich der Würfel, und letztlich alle Raumgebilde umstülpen lassen, führte ihn schließlich zu der Entwicklung einer neuartigen, rhythmisch arbeitenden Technik, zu der er Patente erhielt.

Jetzt liegt ein absolut lesenswertes Buch mit Aufsätzen von Paul Schatz vor. Im besten Sinn des Wortes werden hier wesentliche Aspekte der Geometrie entwickelt, die vor allem von ihn dazu gedacht waren der Architektur gesetzmäßige Zusammenhänge des Raumes (und auch der Zeit) zu vermitteln. Ein Großteil der hier entwickelten Gedanken ergaben sich aus der Korrespondenz mit einem Stuttgarter Architektenkreis. Der besondere Wert dieser Aufsätze liegt darin, dass die Inhalte von einem allgemeinen Blickpunkt aus entwickelt und in allgemein verständlicher Sprache geschrieben sind. So vermag auch jeder interessierte Laie ohne Mühe den Inhalten zu folgen. In dieser Weise vermittelt, kann die Geometrie Menschen interessieren, die, vielleicht sonst kein ausgeprägtes Interesse für das Fach haben.

Das vorliegende Buch ist hinsichtlich der Intentionen Paul Schatz' weit mehr als ein Fachbuch. Die Früchte seiner Arbeit waren langer Reifungsprozesse erwachsen. Sie setzten bei allen Fachkenntnissen, die Paul Schatz ausgewiesener Maßen besaß, im Voraussetzungslosen an. Ein Motto seiner Arbeit formulierte er so: »Suche, was Du ungesucht magst finden«. In dieser Voraussetzungslosigkeit wird der Leser ihm leicht folgen können. Was diesem als fachliche Voraussetzung erspart bleibt wird ihm in anderer Weise abverlangt. Folgen wird er den Ausführungen nur, wenn er gedanklich »am Ball« bleibt. Allerdings wird ihm hier die Kürze der Aufsätze entgegen kommen. Dabei sind die Aufsätze einzeln lesbar, ergeben aber natürlich auch im Zusammenhang einen Sinn.

Aus der heutigen Sicht ist es überraschend festzustellen, welche Themenkreise Paul Schatz zur Geometrie in Beziehung setzt. Ökologische Fragen werden von ihm Jahrzehnte vor der großen Ökologischen Bewegung in einer Radikalität gestellt, die uns nur erstaunen kann. So erscheinen viele heute inzwischen gesellschaftsfähig gewordene Einsichten blass.

Seine Ausführungen überzeugen durch klare, prägnante, oft pointierte Sprache. Es ist eine Freude, stets einem roten Faden folgen zu können. Die klare Gedankenführung bleibt immer am Gegenstand. Seine Gedanken werden mit naturwissenschaftlicher Klarheit ausgeführt, ohne an dem zu kleben, was heute im allgemeinen als naturwissenschaftlicher Inhalt verstanden wird, der oft in unüberschaubare Details oder dem Laien unverständliche Darstellungen abgeleitet.

Gleichwohl strotzen seine Texte von Esprit, und zeigen auch atmosphärisch belebende Einblicke in die »innere Werkstatt« des Erfinders, Künstlers und Technikers Paul Schatz. Die von ihm gewählten Gegenstände behandelt er mit großer Originalität von der besten Art, ohne sich in Spekulationen, Abschweifungen oder falsch verstandene künstlerische Freiheit zu ergeben. In der Korrespondenz mit dem Stuttgarter Architektenkreis, der nicht ohne inhaltliche Kontroversen bleibt, zeigt sich ein scharf gedanklich beobachtender Paul Schatz, der sehr genau auf die Ausführungen seiner Kommunikationspartner eingeht. In der Sache ist er streng aber fair, man könnte gelegentlich sogar sagen: sportlich.

Die Beiträge von Robert Byrnes, Dieter Junker, Fred Voss und Eva Wohlleben und auch von Matthias Mochner selber sind ein zusätzlicher Gewinn. Sie arbeiten eigenständig und beziehen sich in ihrer Arbeit auf Paul Schatz. Sie stehen für einen größeren, weit verstreuten Kreis von Menschen, die in ähnlicher Weise wie Paul Schatz in forscherischer und künstlerischer Weise an geometrischen Fragestellungen, auch an Modellen arbeiten. Sie zeigen, dass es heute mehr denn je gewinnbringend ist, sich in dieser Weise mit der Geometrie zu beschäftigen. Die Deutsche Paul-Schatz-Gesellschaft und die Paul-Schatz-Stiftung in Basel fördern diese Arbeit tatkräftig.

Der gründlichen Herausgeberschaft von Matthias Mochner ist es zu danken, dass diese ursprünglichen Aufsätze in der Zeitschrift nicht nur wieder neu vorliegen, sondern darüber hinaus inhaltlich in Beziehung gesetzt werden können zu dem reichen Quellenmaterial, das Briefe und Tagebuchnotizen ebenso umfasst, wie eine Vielzahl von Modellen, die das Paul-Schatz-Archiv in Basel besitzt. Die Sorgfalt der Herausgabe erstreckt sich bin in die authentische Abbildungen aus dem Archivmaterial. Hier wurde, etwa für eine farbgetreue Bildwiedergabe, ein hoher Aufwand getrieben. Diese Gestaltung ist gediegen. Man  nimmt es gerne in die Hand. So ist ein neues Buch entstanden, das bei weitem mehr ist, als die Summe seiner Aufsätze.

Es kann den heutigen Leser überraschen, mit welcher Frische und wie zeitgemäß die Inhalte sind, die Paul Schatz zur Darstellung bringt – immer noch aktuell. Angesichts der Probleme, die inzwischen in ihrer globalen Dimension wahrgenommen werden, erscheint der Weg von Paul Schatz aktueller denn je. Hier kann man, wie von Plato gefordert, die Seele zur Wahrheit zu erheben und Perspektiven gewinnen. Aber nicht nur das: Paul Schatz schlägt über die Beobachtung und das getreuliche Weiterverfolgen des einmal staunend Gefundenen ein Brücke zu den Lebensbereichen, in denen dann im Nachhinein Anwendungen gefunden werden konnten. Er gibt ein Beispiel, die jeder in seinen eigenen Verhältnissen in gleicher Weise verfolgen kann.

Nicht nur, wer die Entstehung dieser Neuherausgabe aus der Nähe mitbekommen hat, kann sich daran erfreuen, dass dies ein Buch ist, an dem viel Herzblut aller Beteiligten hängt. Angesichts der enormen Fülle des Nachlasses ist dies nur ein weiterer kleiner, und deshalb noch unvollständiger Schritt, die noch ungehobenen wortwörtlichen Schätze im Paul-Schatz-Archiv zu bergen.

Paul Schatz: Architektur und Umstülpung. Studien zum organisch-dynamischen Raumbewusstsein. Ein Schulungsweg für Architektur, 432 S., Verlag am Goetheanum 2013, 58,– Euro

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