Ungleichheit macht gewalttätig

Von Renatus Derbidge, November 2011

Joachim Bauer macht Forschungsergebnisse, vor allem aus der Neurobiologie, in gut verständlichen Büchern zugänglich. Hierbei unterscheidet sich Bauer von anderen Forscherkollegen wie Gerald Hüther oder Manfred Spitzer durch die Rolle des revolutionären Rebellen, des Querdenkers, da er diese neuen Erkenntnisse abweichend vom Mainstream interpretiert. Die Rolle des Cleveren, der anderen stets ein paar Züge voraus ist, scheint ihm auch in diesem Buch Freude zu bereiten. Letztere geht sofort auf den Leser über. So lernen wir hier Aggression nicht als etwas an sich Negatives kennen, sondern als Phänomen, das, wie alle biologischen Phänomene, grundsätzlich sinnvoll ist. Aggression entsteht immer, wenn Bindungen in Gefahr sind, etwa bei Demütigung, Verletzung, Ausgrenzung, aber auch beim Miterleben von Ungerechtigkeit gegenüber anderen.

Die Evolution des Menschen zeigt, dass der Mensch die längste Zeit ein friedfertiges und kooperatives Wesen war. Erst seit der Neolithischen Revolution vor etwa 10.000 Jahren, seitdem das »Prinzip der Ökonomie« über das »Prinzip Menschlichkeit« dominierte, begann das Zeitalter der Gewalt. Bauer belegt diese These durch viele Statistiken, etwa die, dass Gewalt in Gesellschaften am meisten grassiert, in denen die soziale Ungleichheit am größten ist. Auch Amokläufe sieht er als Folgeerscheinung sozialer Ausgrenzung. Nimmt hierzulande die soziale Ungleichheit zu, wird die Gewalt zunehmen. Im Hinblick auf Bildung empfiehlt Bauer, Äußerungen von Aggression überhaupt erst richtig deuten zu lernen – bei sich und bei anderen. Viele Aggressionen, die verschleppt und später gebündelt gegen Unschuldige entladen werden, könnten so frühzeitig in konstruktive Bahnen gelenkt werden.

Dennoch bleibt das Buch etwas arm an Perspektive. Wenige Lösungen werden angeboten. Ziel ist es, Aggression zu verstehen. Dabei arbeitet Bauer heraus, dass der »Aggressionstrieb«, wie ihn Sigmund Freud und Konrad Lorenz postulieren, ein weltanschauliches Konstrukt darstellt. Lässt man neueste Forschungsergebnisse ohne weltanschauliche Brille für sich sprechen, oder wie hier, mit einer Sichtweise, die dem Menschen keine bösartigen Triebe und Absichten unterstellt, entsteht ein Menschenbild, das Mut macht und eine schöne Zukunft entwirft.

Joachim Bauer: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 288 S., geb. EUR 18,95, Blessing Verlag, München 2011

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