Varoufakis Abrechnung

Von Dimitrios Syntrivanis, April 2018

Was geschah, als im Jahre 2009 das internationale Finanzsystem kurz vor dem Zusammenbruch stand und weshalb kamen durch die milliardenschweren Rettungsmaßnahmen vornehmlich die europäischen Bevölkerungen zu Schaden?

Wie hängt diese wirtschaftliche Erschütterung globalen Ausmaßes mit der Krise des global irrelevanten Griechenlands zusammen? Und gibt es Anlass zur Hoffnung, diese jüngsten Ereignisse könnten den Akteuren der ökonomischen und politischen Machtzentren als Warnsignal gelten, die Zukunft nach anderen Prinzipien zu gestalten?

Yanis Varoufakis, Professor für Ökonomie und gescheiterter Finanzminister Griechenlands, schildert in diesem Buch seine politische Tätigkeit auf dem Höhepunkt der Eurokrise 2015. Als Akademiker und politischer Außenseiter während der anfänglichen Krisenverläufe 2009 beschreibt er chronologisch und stets spannungsvoll seinen allmählichen Aufstieg bis zu den Spitzen der globalen Machtstrukturen, in die er einen authentischen und erschütternden Einblick bietet. Es entsteht ein breites Panorama an Bildern und ungekannten Informationen, das die dunkle Machtkulisse, vor der sich die Krisen unserer Welt abspielen, in eindrucksvoller Weise beleuchtet. In der Griechenlandkrise verdichtet sich dieser Komplex zum Stoff eines tragischen Schauspiels, das einerseits vom internen politischen Versagen Griechenlands zeugt, andererseits gesamteuropäische Missverhältnisse, den Demokratieüberdruss der Eliten und die globalen Interessenverflechtungen von Wirtschaft und Politik anschaulich darstellt.

Jenseits der ideologischen Zwänge seiner politischen Umgebung und geleitet von ökonomischem Sachverstand, beschreibt Varoufakis konkret seine Ansätze zur Krisenbewältigung, die eine gesamteuropäische Perspektive einschließen. Weder das sozialistische Pathos der Weltverbesserung der Syriza-Partei, noch das sture Austeritätsdiktat der leblosen Troika-Technokratie dienen ihm als Programm. Stattdessen sucht er jene Konzepte zu verteidigen, die in seinen Augen die Wirtschaftskrise humanitär, sozial und demokratiefördernd lösen würden, ohne systemische Grundsatzmängel der Finanzwelt und deren Profiteure unangetastet zu lassen. Der Möglichkeitshorizont, den Varoufakis in seiner Darlegung eröffnet, ist jedoch stets begleitet vom Schatten seines grandiosen Scheiterns, da seine grundlegenden, aber an den realen Gegebenheiten orientierten Reformvorschläge von der Europäischen Union zerschlagen wurden. Es entbrannte ein medialer Kampf um Macht, Deutungshoheit und die Wahrheit, dem Varoufakis chancenlos unterlag.

Durch die Schilderung persönlicher Auseinandersetzungen mit seinen großen Kontrahenten – von Wolfgang Schäuble bis Christine Lagarde – thematisiert das Buch auch das Scheitern von Moral und Ideal in einer vom Bürger entfremdeten und entkoppelten Machtblase, die der Darstellung zufolge von der EU-Bürokratie, über die Banken- und Finanzwelt, zu transnationalen Institutionen wie dem IWF und dem amerikanischen National Security Council reicht.   

Yanis Varoufakis: Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment, geb., 664 S., EUR 30,–, Verlag Antje Kunstmann, München 2017

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