Vom Tellerwäscher zum Hochschuldozenten

Von Johannes Greiner, Oktober 2016

Es liest sich wie eine Geschichte vom amerikanischen Traum des Erfolgs: Der Junge aus einfachen Verhältnissen steigt durch erwachende Begabungen und ein waches Gespür dem eigenen Schicksal gegenüber in der Stufenleiter der Gesellschaft immer höher.

Vom Tellerwäscher zum Hochschuldozenten – so könnte man den beruflichen Aufstieg Mario Bettis benennen. Doch nicht nur das: Er geht auch einen inneren Entwicklungsweg, der zur Anthroposophie führt und den er in individueller Weise fruchtbar für andere Menschen macht.

Vom Pagen wird er zum Hotelgehilfen, Rezeptionsverantwortlichen und befindet sich plötzlich auf dem besten Weg zum Hoteldirektor. Während des unvermeidbaren Militärdienstes, der Demütigungen und Stumpfsinn in Fülle für ihn bereithält, entdeckt er die Anthroposophie Rudolf Steiners. Er wird Geschäftsführer einer Waldorfschule, Lehrer und Vortragsredner. Dann kommt die Anfrage der Alanus-Hochschule. Der in der Schule durch ungenügende Leistungen aufgefallene Mario wird zum geschätzten Hochschuldozenten. Dann kommt noch die Arbeit als Ausbilder am Lehrerseminar in Stuttgart. Der Schüler, der mit dem Lesen und Schreiben lange Mühe hatte , kann an seinem Lebensabend auf eine beachtliche Reihe von veröffentlichten Büchern zurückschauen. Wesentliche Beiträge zur Anthroposophie sind aus seiner Feder geflossen.

Eindrücklich ist die Art des Lernens Mario Bettis. In der Schule überforderten ihn die intellektuellen Fächer. Drei Male musste er eine Klasse wiederholen. Sollte er aber etwas für die praktische Anwendung im Leben lernen, so schien alles viel leichter zu gehen. Und vom Leben lernte er fortdauernd. Lernen aus dem Erleben konkreter Situationen scheint ein Schlüssel zu seinem Erfolg zu sein. Leider gibt es für Menschen mit solchem Lernzugang noch nicht viele anerkannte Bildungswege.

Mario Betti fand aber solche Wege. Er wurde vom Schüler mit Lernschwierigkeiten zum Lehrer, der Schüler mit Lernhemmungen verstehen kann. Der ehemals stille Schüler wurde zu einem eloquenten Vortragsredner, der in Bildern sprach, die andere wiederum zum Denken und Sprechen anregten.

Die Leiden der Kindheit und Jugend wurden zu Gaben des reiferen Menschen. Denn was er erlitten hatte, ersparte er den Schülern und Studenten.

Die Autobiographie Mario Bettis kann ein Trost für all jene Menschen sein, die dem Mainstream-Intellektualismus nicht entsprechen wollen oder können und eigene, künstlerisch-kreative Schicksalswege suchen, um ihre mitgebrachten Schätze in diesem Leben zu entfalten und weiterzugeben.         

Mario Betti: Leben im Geiste der Anthroposophie – Eine Autobiographie, brosch., 269 S. mit 28 Abb., EUR 28,– Verlag des Ita-Wegman-Instituts, Arlesheim 2015

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