Von Paulus zu Parzival und darüber hinaus

Von Sophie Pannitschka, März 2014

Die Gesamtlinie der Vorträge, die Karl König zwischen 1954 und 1962) in Schottland vor Mitarbeitern in der Camphill-Gemeinschaft gehalten hat, kann mit wenigen Worten umrissen werden: Der Gralssucher Parzival führt die Aufgabe des Apostels Paulus weiter, indem er selber eine Entwicklung von der Tumpheit (Unwissenheit) durch den Zweifel (eine fragende Haltung) bis zur Saelde (Glückseligkeit) durchläuft, um dann die Ebene des Gewissens zu erreichen.

Königs Darstellung erfordert Vorkenntnisse und eröffnet ein großes Panorama: Er beginnt mit einem Blick auf das Raffael-Bild, das wir heute als »Schule von Athen« kennen und der Annahme, dass die Figuren, die herkömmlich für Aristoteles und Platon gehalten werden, in Wirklichkeit Paulus und Dionysios Areopagita seien. Er stellt die Entwicklung des exoterischen und des esoterischen Christentums dar und »landet« bei der Gralslegende. Mit einem anthroposophischen Blick durchstreift König die Geistesgeschichte und zeigt mögliche Zusammenhänge auf: Titurel (Gründonnerstag), der alte Gralskönig, hütet die Urweisheit der Menschen. Trevrizent (Karfreitag), der weise Klausner, weiß, dass die Erde zum Leib Christi geworden ist. Anfortas (Ostersamstag), der siechende Gralskönig, ist ein Symbol dessen, dass die Macht des Blutes in ihrer alten Form sterben muss. Und Parzival (Ostersonntag), der den Weg durch die Empfindungsseele (Artus-Runde), die Verstandes- und Gemütsseele (Gralsgesellschaft) und die Bewusstseinsseele (er selbst) geht, weiß, dass der Stein, der aus der Krone Luzifers fiel, das Ich des Menschen ist, das zur Entfaltung gebracht werden will.

König lädt den Leser dazu ein, sich selbst als Mitspieler (Gralssucher) zu erleben, denn jeder Mensch hat die physische Grundlage dazu, das (paulinische) Gewissen in sich sprechen zu lassen. Jedes äußere Ereignis wird zu einem inneren Erlebnis. Das Mysterium des Heiligen Gral führt dazu, dass es möglich ist, zu erahnen, was die Folgen der eigenen Handlungen sind. Der Autor spricht durch die Zeilen der Publikation in warmen und weisen Worten und ruft dazu auf, einen Weg des Gewissens zu gehen.

Obgleich die Vorträge vor sechzig Jahren gehalten wurden, ist die Publikation ein Buch für jeden, den die tieferen geisteswissenschaftlichen Zusammenhänge interessieren. König rüttelt Fragen auf und weist einen Weg, der den Leser in eine mitgestaltete Zukunft führt.

Guy Cornish und Richard Steel (Hrsg.): Karl König: Paulus und der Gral. Der Weg des Gewissens, geb., 170 S., EUR 24,90, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2014

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