Waldorf weltweit

Von Walter Riethmüller, November 2019

Dieses opulent bebilderte Buch ist eine Augenweide – es ist ein visueller Genuss, sich in die aussagekräftigen Fotografien zu vertiefen, welche die Atmosphäre der kulturellen und pädagogischen Vielfalt von Waldorfpädagogik in den Ländern der Welt einfangen.

Es ist aber auch – wie von den Herausgeberinnen betont – ein Nachschlagewerk, das in informativen, in Länge und Gehalt gut les- und verdaubaren Texten von den unterschiedlichen kulturellen Kontexten und sozialen Gegebenheiten berichtet.

Von den Hoffnungen, Erfüllungen, aber auch Schwierigkeiten und Mühen ist zu lesen: In 77 Ländern der Erde – 36 in Europa, 15 in Amerika, zwei in Ozeanien, neun in Afrika, 15 in Asien – ist mittlerweile der pädagogische Impuls Rudolf Steiners in Form von Kindergärten und Schulen realisiert worden; in manchen Ländern wie aktuell in China, mit einer für den Außenstehenden kaum nachvollziehbaren Dynamik, in anderen wie in Frankreich charakterisiert durch ein andauerndes kräftezehrendes Engagement, sich in einem staatlich strikt zentral ausgerichteten säkularen Bildungssystem mit einer spirituellen Pädagogik behaupten zu müssen. Man kann sich fragen, wie in einer politischen Atmosphäre, die sich weltweit durch Betonung von nationalen Eigenheiten auszeichnet und sich dabei auch religiös abgrenzt, eine weltweit agierende Pädagogik so bunte, vielfältige und trotzdem unverkennbar »waldorfpädagogische Lebenswelten« zu schaffen vermag. Christof Wiechert, ehemaliger Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum, trifft in seiner Einleitung den Nagel auf den Kopf: »Das unverkennbare Waldorfelement ist eben die Luft des Allgemein-Menschlichen, das diese Einrichtungen umweht. Das Allgemein-Menschliche in der Bildung heißt ..., dass der Werdegang des Kindes, des Schülers, des Jugendlichen der Maßstab ist, wo auch immer man sich auf Erden aufhält.«

Bei einer auf diesen Maßstab gegründeten Pädagogik geht ein Ausruhen auf irgendwelchen sogenannten »Sicherheiten« nicht; darauf weist auch Christian Boettger in seiner Einführung in die Waldorfpädagogik »nach 100 Jahren« hin, die dieses Werk abrundet.

Waldorfpädagogik in den Ländern der Welt in ihrer Vielfalt und doch in einem »einheitlichen Geist« – viele Initiativen, von denen in diesem Buch zu lesen ist, würden nicht existieren, ohne die Spenden und die Unterstützung aus der Waldorfschulbewegung. Hier sei nur auf den jährlichen Waldorf-One-World-Day-Aktionstag hingewiesen und die unermüdlich helfende und vor Ort beratende Tätigkeit der »Freunde der Erziehungskunst«. Das gilt auch für die Konzeption und Realisierung dieses Buches vor allem durch das Engagement von Nana Göbel und Christina Reinthal vom Berliner Büro der »Freunde«. Ihnen ist ein repräsentativer Überblick zu danken, dem weite Verbreitung zu wünschen ist.

Nana Göbel und Christina Reinthal (Hrsg.): 100 Jahre Erziehung zur Freiheit. Waldorfpädagogik in den Ländern der Welt, brosch., 199 S., EUR 25,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2019

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