Waldorfpädagogik zwischen Tradition und Innovation

Von Christian Boettger, September 2013

Die beiden Herausgeber gliedern ihr Buch in zwei Teile, der eine befasst sich mit der Praxis, der andere mit der Lehrerausbildung der Waldorfschulen. Jeweils fünf Autoren geben kritische und konstruktive Antworten auf die Frage nach den Qualitäten der Waldorfpädagogik. Was die Schulautonomie betrifft, so zeigt Michael Zech, dass die augenblicklich erreichte Selbstbestimmung der Waldorfschulen lediglich als Teilautonomie bezeichnet werden kann. Im politischen Prozess muss immer wieder darum gerungen werden, die Freiräume zu sichern oder zu erweitern. Zentral ist für Zech die Autonomie im pädagogischen Prozess und in der Lehrer-Schüler Beziehung.

Zur Waldorflehrerausbildung geben Walter Riethmüller und Gerd Kellermann einen historischen Überblick, der zeigt, welch große Anstrengungen die Schulen und Ausbildungsstätten unternommen haben. Henning Pätzold geht auf die Umstellungen durch den Bologna-Prozess ein, Siamak Farhur und Marcello da Veiga legen das Schwergewicht auf bildungsphilosophische Aspekte. Carlo Willmann zeigt in seinem Beitrag, wie sich die Waldorflehrerausbildung im internationalen Kontext durch die Etablierung der Europäischen Hochschulkonferenz für Waldorfpädagogik in den letzten Jahren entwickelt hat.

Michael Brater und Dirk Randoll konfrontieren den Leser mit kritischen Einschätzungen des augenblicklichen Erscheinungsbildes der Waldorfpädagogik. Auch wenn ich als Waldorflehrer und Kenner vieler Schulen in Deutschland diese Einschätzungen in mehreren Punkten nicht teilen kann und nicht davon überzeugt bin, dass durch manche pauschal wirkenden Vorwürfe irgendetwas an einer einzelnen Schule und in einem einzelnen Unterricht verbessert wird, denke ich, dass wir in der Waldorfschulbewegung die Beobachtungen und Äußerungen beider Autoren ernst nehmen sollten. Brater stellt zum Beispiel die Frage, ob Waldorf noch zeitgemäß ist? Diese Frage kann ich nur mit einem dicken »Ja« beantworten, denn ich kenne kein Schulmodell, das so konsequent auf der inneren Selbstbestimmung des Lehrers und der Einzelschule aufbaut. Nichts anderes kann meiner Meinung nach wirklich nachhaltig Aktualität sichern. Dirk Randoll hat fünf Aspekte – den sozial-integrativen Ansatz, die kollegiale Selbstverwaltung, den Waldorflehrplan, das Klassenlehrerprinzip und die waldorfeigene Lehrerbildung – untersucht. Zu jedem dieser Aspekte gibt er auf Grundlage jüngsten Zahlenmaterials eine Übersicht und regt durch seine Einschätzungen und Fragen zu – hoffentlich intensiven – Diskussionen an. Seine Schlussbemerkung, dass sich Waldorfpädagogik erst aus ihrem Nischendasein befreien kann, wenn sie den Dialog mit der Erziehungswissenschaft auf gleicher Augenhöhe sucht und pflegt, ohne ihren geisteswissenschaftlichen Hintergrund aufzugeben, kann ich nur unterstreichen.

Zwei weitere Beiträge stammen von Heiner Ullrich und Ines Graudenz. Ullrich zeigt an fünf Beispielen, dass Waldorflehrer zu den Lehrern »mit Biographie« gehören, das heißt, nicht nur vorher oft andere Berufe hatten, sondern auch durch ihre Persönlichkeit wirken. Insofern sei es in der Lehrerausbildung und -begleitung besonders wichtig, die biographische Entwicklung mit ihren Ressourcen und Grenzen in den Fokus zu nehmen. Ines Graudenz schließt in ihrem Beitrag an die Frage nach den größten Herausforderungen für die Waldorfschule der Zukunft an, die in der empirischen Studie von 2012 »Ich bin Waldorflehrer« von 1.472 Waldorflehrern beantwortet wurde, und kontrastiert die häufigsten acht Antworten mit einer Darstellung aus dem Jahr 1929. Dem Leser überlässt sie dann, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Michael Harslem rundet mit seinem Beitrag zur Selbstbestimmung der Lehrer und ihrer Potenzialentfaltung durch die Stärkung der Autonomie und intrinsischen Motivation das Buch stimmig ab. Der Sammelband zeigt einerseits die Bandbreite der aktuellen Diskussion und könnte andererseits dazu beitragen, die Qualität der Waldorfschulen und -ausbildungen zu steigern. Ein solcher Beitrag könnte insbesondere darin bestehen, die Reflexion der beruflichen Biographie innerhalb der Waldorflehrerausbildung zu fördern.

Dirk Randoll, Marcello da Veiga (Hrsg.): Waldorfpädagogik in Praxis und Ausbildung. Zwischen Tradition und notwendigen Reformen, Taschenbuch, 155 S., EUR 34,99, Springer VS Verlag, Wiesbaden 2013

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