Was ist Zeit?

Von Renatus Derbidge, Dezember 2016

Wie aus der Peripherie zieht Wolfgang Schad Phänomene der »Zeit« herbei.

Wie aus der Peripherie zieht Wolfgang Schad Phänomene der »Zeit« herbei. Er schließt sie dem Verständnis auf, reichert sie mit Beispielen an und verdichtet sie, so dass der Begriff »Zeit«, mit Empfindungen unterfüttert, zur Klarheit heranreift, um schließlich als Intuition im Leser aufgehen zu können. Mit »Zeitbindung« ist gemeint, dass Zeit im Menschen und im Leben allgemein, immer eine Integration von Gewordenem, jetzt Geschehendem und noch nicht Verwirklichtem ist. Ja, diese Zeitbindung ist das Leben selbst, ist die eigentliche Qualität, Funktion und das Sein des Lebendigen. Wie nebenbei werden weitere Aspekte in die Ausführungen eingeflochten, etwa, was Freiheit damit zu tun hat.

Der kleine Band beginnt mit vielen Phänomenen aus der Natur, etwa dem Archaeopteryx, dem sogenannten Urvogel, bei welchem sowohl (ältere) Reptilienmerkmale als auch (jüngere) Vogelmerkmale zu finden sind, und der dazu einige wenige Merkmale aufweist, die einzigartig sind. Und doch ist er ein Tier gewesen, das voll funktionsfähig lebte. Für das Leben sind Vergangenheit und Zukunft kein Gegensatz. So wechselt Schad bald zur seelischen Perspektive, um diese Aspekte nun aus dem inneren Erleben anzuschauen. Zuletzt geht es aber um die geistige Dimension der Zeit, worunter hier die Reinkarnation verstanden wird, die letztlich essentiell ist für ein Verständnis der Evolution der Erde, aber auch der Biographie des Menschen. Und wie es dankenswerter Weise zu Schads Stil gehört, ist das Ganze bereichert durch eingeflochtene Goethe-Gedichte und überraschende und erhellende Kunstbetrachtungen, welche die knapp 100 Seiten zu einem schlüssigen Gesamtbild abrunden.

Ganz anders, das über 500 Seiten starke Werk von Andreas Neider. In dem Anliegen, genau die gleiche Frage: »Was ist Zeit?« zu erschließen, verfolgt es zwei Herangehensweisen: Zum einen bringt es eine Fülle an Steiner-Texten (nicht Zitate, sondern stellenweise große Abschnitte ganzer Vorträge), eine Zusammenstellung aller relevanten Aussagen Steiners zum Thema Zeit, und zum anderen enthält es einen Kommentar: eine an Steiner angelehnte Ausarbeitung über die Zeit. Die Mischung dieser zwei Ansätze gelingt nur stellenweise. Anstatt wenige, aber zentrale Passagen Steiners zu vertiefen oder zu interpretieren, verfängt sich Neider in einer Überfülle eher randständiger Zitate. Da wäre eine Art lexikalischer Darstellung dienlicher gewesen. So ergeben sich unzählige Redundanzen. Dafür kann man das Buch, weil es der chronologischen Reihenfolge der Äußerungen folgt, wie eine Biographie Steiners lesen. Wie mit den Biographien von Selg oder Lindenberg ist damit eine weitere überaus aufschlussreiche Steiner-Biographie entstanden, in der deutlich wird, dass das Thema Zeit, auch wenn es von Steiner nie so prominent ausgearbeitet wurde, sich wie ein roter Faden durch die ganze Anthroposophie verfolgen lässt. Die sorgfältige Arbeit bietet einen anspruchsvollen Zugang zur Anthroposophie als Ganzes: »Zeit« erscheint als Integral der verschiedensten Aspekte der Anthroposophie, durch das diese sich in neuer Art aufschließt.

Wolfgang Schad: Zeitbindung in Natur, Kultur und Geist, kart., 99 S., EUR 15,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2016

Andreas Neider: Der Mensch und das Geheimnis der Zeit. Zum Verständnis der Zeit im Werk Rudolf Steiners, geb., 522 S., EUR 39,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2016

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