Wer Steiner prägte

Von Ernst-Christian Demisch, Juni 2020

Alle Fragen an die Kindheit und Jugend Rudolf Steiners werden durch das neue Grundlagenwerk von Martina Maria Sam profund und anschaulich beantwortet.

Auch wenn dem interessierten Leser vielleicht bereits durch seine Autobiographie und die bisher zu diesem Thema erschienenen ausführlichen Darstellungen viele Grundzüge der ersten 23 Lebensjahre bekannt sein dürften, hat Sam in jahrelanger Arbeit endlich die Schätze des Rudolf Steiner Archivs heben können. Nicht nur für den wissbegierigen Leser, auch für den Fachmann ergeben sich Überraschungen.

Das Ergebnis ist ein vorzüglich edierter Band, den man gerne in die Hand nimmt. So erfahren wir detail- und facettenreich, wie sich die ersten drei Jahrsiebte von 1861–1882/83 abgespielt haben. Zu den durch den Beruf des Vaters als Bahnhofsvorstand bedingten häufigen Ortswechseln wird der Leser jeweils mit den geographischen, sozialen und politischen Verhältnissen der neuen Wohnorte vertraut gemacht, so dass die Entwicklungsumstände des Heranwachsenden anschaulich werden. Die Eltern werden einfühlsam geschildert, ihre ärmlichen, bildungsfernen Lebensumstände, ebenso die Geschwister, mit ihren schweren Schicksalsbelastungen; aber vor allem werden diejenigen Menschen uns nahe gebracht, die Rudolf Steiner in seinen Vorträgen, oftmals ohne Namensnennung, anführte und die für seinen Lebensgang von Bedeutung waren: Klassenkameraden und Lehrerpersönlichkeiten schildert Sam so lebendig, dass dadurch ein eindrucksvolles Beziehungsgeflecht entsteht. Fragen nach dem Schulbesuch, nach den Zeugnissen, den Lieblingsfächern werden behandelt. Auch die beschwerlichen langen Schulwege – mal zu Fuß, mal mit der Eisenbahn – lassen ein dichtes Bild entbehrungsreicher Jugendjahre vor unseren Augen entstehen.

Nahezu 100 Jahre nach der Gründung der ersten Waldorfschule wird durch dieses Buch manche Quelle, manches Vorbild der von Steiner initiierten Pädagogik deutlich. Sam hat die vielen Schulbücher, die Schulfächer und Stundenpläne von Rudolf Steiner ausgewertet, so dass der Leser über die Lernfülle nur staunen kann. Man erkennt so leicht, dass Steiners Anliegen für die Schule in Stuttgart, »dass alles in Lebenskunde münden« solle, aus den Erfahrungen an der »Landes-Oberrealschule« in Wiener Neustadt abzuleiten ist. Seine Begeisterung – neben der Geometrie mit zehn Jahren – für das Buchbinden, die Philosophie, den naturwissenschaftlichen und technischen Unterricht – kurz Technologie – fällt hier ins Auge. Und der aufmerksame Leser wird noch mehr entdecken.

Schließlich werden die Inhalte der Studienjahre als wesentliche Vorbereitung für das spätere Wirken Steiners dargestellt. Auch hier zeigt Sam die enorme Breite der wissenschaftlichen Themen auf vielen Fachgebieten. Im Mittelpunkt steht die schicksalshafte Begegnung und spätere Freundschaft mit dem bedeutenden Goethe-Forscher Karl-Julius Schröer. Ihm verdankte Rudolf Steiner die Aufgabe, Goethes naturwissenschaftliche Schriften in Weimar zu bearbeiten und herauszugeben, was dann das Ende der Jugendzeit – des nun Einundzwanzigjährigen – charakterisiert. Das Buch regt immer wieder an, die Gesetzmäßigkeiten einer Biographie auf das Dargestellte anzuwenden. Material für eigene Forschungen ist reichlich in diesem mit hervorragender Sorgfalt produzierten Buch vorhanden. Leider sind manche Fotos zu blass und zu klein abgebildet, was den Sehgenuss einschränkt.

Martina Maria Sam: Rudolf Steiner – Kindheit und Jugend, 488 S., geb., EUR 40,–, Verlag am Goetheanum, Dornach 2018

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