Wer wir sind

Von Ute Hallaschka, November 2021

Wer die Fortschreibung der Historie der Anthroposophischen Gesellschaft von Lorenzo Ravagli liest: »Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert. Band 2 Vom Bücherkonflikt zur Konsolidierung des Gründungsmythos 1953-1982«, der gelangt zu einer denkwürdigen Einsicht.

Es ist nichts anderes, woran diese Gesellschaft in ihrer hundertjährigen Entwicklung krankt, als das, was sich jetzt zugespitzt als Zeitproblematik zeigt. Der gute Wille des einzelnen und die Schwierigkeit seiner zwischenmenschlichen Umsetzung. Mit den beiden Frageaspekten: wie kommen Impulse des einzelnen ins konkrete Handeln, sprich: vom Kopf in die Hände? Und wie kann der Vorgang der Verwirklichung so gestaltet werden, dass er zur gesellschaftlichen Einigung führt statt zur Spaltung?

Wie kann ausgerechnet die Anthroposophische Gesellschaft in ihrer zwischenmenschlichen Sphäre das versäumen, was bekanntlich die Kernaussage der Philosophie der Freiheit bildet: »Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens«? Ganz offenbar liegt das Problem in der zweiten Hälfte des Satzes.

Also machen wir uns erneut an die Arbeit, den mehr als 500 Seiten starken Band durchzuackern. Dieses Mal ist der Apparat von Dokumenten und Fußnoten leichter zu bewältigen, eine Vielzahl der Zitate stammt aus dem sogenannten Nachrichtenblatt. Dazu kommt der kontinuierlich chronologische Ablauf, mit weniger Quer-Rück-Seitenblicken als in Band 1. Was zum echten Leseabenteuer wird, ist die Geste zwischen Zentrum und Peripherie, niemals pedantisch, geradezu eurythmisch der Pendelschlag der vergleichenden Betrachtung: das anthroposophische Gesellschaftsleben wird jeweils im Kontext der gesamtgesellschaftlichen und weltpolitischen Ereignisse dargestellt–Jahr für Jahr. Was sich in den fünf Hauptkapiteln zeigt, ist einerseits die konkrete Handlungssphäre, das sich entwickelnde Leben der anthroposophischen Bewegung in ihren sogenannten Tochtergründungen, andererseits umso stärker der Schattenwurf im Hinblick auf ihren eigenen Quell.

Nach wie vor und beinah gespenstisch zieht sich der Grundkonflikt, der direkt nach Rudolf Steiners Tod ausbrach immer weiter. Er wird fortgesetzt mit neuen Zuschreibungen und wechselndem Personal – wie ein schreckliches Bühnendrama. Im sogenannten Bücherkonflikt wiederholt sich – diesmal zwischen Vorstand und Nachlassverein – die alte Lagerbildung, in der eine Gruppe die andere bezichtigt nicht adäquat mit der Wahrheit und Wirklichkeit von Anthroposophie zu verfahren. Auch in Band 2 arbeitet Ravagli die Wurzel des Konflikts heraus. Für Kenner: eine Neuauflage des mittelalterlichen Realismus/Nominalismus Streits. Im Klartext geht es darum: ob die anthroposophische Gesellschaft, ein für alle Mal durch die Weihnachtstagung als esoterische Erbin eingesetzt, sich entsprechend qualifiziert erfährt und damit jeglicher Bewegung des anthroposophischen Lebens übergeordnet scheint? Mit dieser einen sind viele andere Fragen verknüpft. Wer ist die Anthroposophische Gesellschaft als sinnlich/übersinnliches Wesen? Der Vorstand als Herz der Mitgliedschaft oder ihr Haupt oder machen ihm nicht die Mitglieder eigentlich Beine?

Es ist nun einmal eine kuriose Situation. Kaum eine menschliche Gemeinschaft wird sich auf Erden in einer so seltsamen Lage befinden wie die Anthroposophische Gesellschaft. So klein und überschaubar die Zahl ihrer Mitglieder, rund 50 000, dafür aber weltweit verstreut. In gigantischen machtvollen Welt-Projekten auf allen Lebensfeldern und in politischen Strukturangelegenheiten engagiert. Letzteres mit wenigen Funktionären betrieben, die gewaltige Geldströme lenken. Mit Ernennungspraktiken, welche die Heerscharen der Mitarbeitenden der anthroposophischen Bewegung bis heute einflusslos erscheinen lassen. Wie soll ein Mann aus Ecuador oder eine Frau aus Afrika zur Generalversammlung nach Dornach reisen – ebenso natürlich ein armer Landwirt aus Kanada? Nun, indem er jemanden kennt aus dem inneren Kreis der Einflussnehmenden, welcher die Reise bezahlt. Das hat sich auch im digitalen Milieu nicht geändert, nach wie vor gilt: was wissen die Leute in Nowosibirsk von der Wirklichkeit am Goetheanum? – ohne jemanden zu kennen, der sich dort eben auskennt.

Die Frage der Gleichheit und Freiheit ist das eine – das andere ist der Aspekt der Brüderlichkeit auf der Rechtsebene. Die Identität dieser Gesellschaft wurde bekanntlich geschaffen durch die Umwidmung des damaligen Goetheanum Bauvereins da kurzfristig ein entsprechenden Eintrag im Handelsregister notwendig war. Auch dieser Konstitutionsstreit zwischen der Esoterik der Gesellschaft und der Merkwürdigkeit ihrer Konstitution ist zwar äußerlich beigelegt, dauert aber im Innern der Bewegung an. Immer vor dem Hintergrund der beiden Strömungen.

Der Streit scheint wie ein magnetischer Kernpunkt, um den sich sogleich die Eisenspäne lagern, hüben wie drüben – aktuell trägt sich wieder Ähnliches in der Coronasache zu. Wenn wir das nicht endlich schaffen, aus dieser Lagerbildung herauszufinden, dann wird es zunehmend schwerer sich als Gesellschaft freier Geister darzustellen. Aufarbeitung der Vergangenheit- auch der bis heute andauernden – ist unvermeidlich. Nun wird der dritte Band, der sich mit der Entwicklung ab den 80er Jahren beschäftigt, bald erscheinen. Die meisten seiner zukünftigen Leser dürften echte Augenzeugen sein – das wird spannend.

Lorenzo Ravagli, Selbsterkenntnis in der Geschichte – Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert (Bd. 2): Vom Bücherkonflikt zur Konsolidierung des Gründungsmythos 1953–1982, Glücksburg, Sauldorf-Roth 2021, 585 S., 58 Euro.

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