Wie die OECD die humane Bildung abschafft

Von Dirk Wegner, November 2018

Für einen Waldorfpädagogen ist es selbstverständlich, dass Erziehung und Bildung an erster Stelle eine Entwicklungsaufgabe ist, die Eltern, Kindergarten und Schule an dem Heranwachsenden zu vollbringen haben, und zwar so, dass seine unverwechselbare Individualität zur Erscheinung und Wirksamkeit gelangen kann.

Nicht der schablonisierte Mensch ist das Ziel, nicht eine Norm, die erfüllt werden muss oder zu erreichende Standards. Eine notwendige Voraussetzung von Erziehung und Bildung ist daher Freiheit der Lehre und des Lehrenden von Vorgaben der eben genannten Art.

Was könnte man tun, um solch einem Menschenbild und der entsprechenden Pädagogik den Boden zu entziehen? Man kann, wie die OECD es seit dem Jahr 2000 getan hat, internationale, outputorientierte Vergleichsstudien durchführen wie z.B. PISA. Laut OECD ist das Ziel dieser und anderer Vergleichsstudien, nicht nur vordergründig die Leistungen nationaler Bildungssysteme und deren qualitative Entwicklung vergleichbar abzubilden, sondern auch auf diese Bildungssysteme indirekt einzuwirken.

Dies ist in den meisten teilnehmenden Ländern inzwischen geschehen, durch die Einführung von Bildungsstandards, Ablösung von Bildungsinhalten durch so genannte Kompetenzen sowie die Anpassung von Lerninhalten und -methoden an den geforderten Output.

Damit einher ging der Verlust eines menschengemäßen Bildungsbegriffes zugunsten des Bildes eines standardisierten, evaluierbaren und ökonomisch nutzbaren Stücks »Humankapital«.

Den hier nur knapp beschriebenen zeitgeschichtlichen Prozess nachzuzeichnen, in verschiedenen Tiefenschichten und in seinen politischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt individuellen Dimensionen zu verstehen und transparent zu machen, auch seine Folgen – nicht zuletzt für die betroffenen Lehrer – zu verdeutlichen, das ist Anliegen des besprochenen Buches. Es versammelt überarbeitete Tagungsbeiträge recht unterschiedlicher Art und Perspektive. Der Titel »Time for Change?« geht zurück auf die Methode des so genannten Change-Managements. Das Change-Management versteht sich als Methode, um in einem definierten Zeitrahmen in einer Organisation von außen vorgegebene Ziele zu verwirklichen, auch unter Einsatz psychischer Techniken.

Wie diese Methoden in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingesetzt und von Betroffenen erlebt wurden, ist ein wesentlicher Schwerpunkt einiger Darstellungen. Der damit einhergehende Verlust demokratischer Kultur wird herausgearbeitet. Auch die Frage nach Möglichkeiten des Widerstands im staatlichen Schulwesen wird mehrfach gestellt. Auch wenn nicht wenige Redundanzen auftreten, die ermüdend wirken können, ist das Buch zu großen Teilen informativ dicht und aufschlussreich, so dass ihm wegen der Bedeutung und Brisanz des Themas gerade in Schulkreisen weite Verbreitung zu wünschen ist.

Verwunderlich allerdings ist, dass an keiner Stelle Waldorfschulen erwähnt werden, die – weltweit – einen wesentlichen Beitrag zur Bewahrung eines freien Schulwesens und zur Verwirklichung einer menschengemäßen Bildung leisten, deren Verlust etliche der Mitautoren des Buches bedauern.

Jochen Krautz, Matthias Burchardt (Hrsg.): Time for Change? – Schule zwischen demokratischem Bildungsauftrag und manipulativer Steuerung, Taschenbuch, 312 S., EUR 22,80, kopaed, München 2018

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