Wind unter den Flügeln (M. Birnthaler)

Von Michael Birnthaler, November 2018

Der Entschluss zu dieser repräsentativen Studie wurde 2013 in der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen gefasst. Eine breite Unterstützung erhielt die Untersuchung gleichzeitig auch durch die Bundeselternkonferenz. Die Datenerhebung erfolgte auf Grundlage von 7000 Elternteilen an 117 Waldorfschulen bei einer erfreulich hohen Rücklaufquote von 55 Prozent.

Da die Waldorfschule in bestimmten Kreisen nach wie vor als die »minderwertige Alternative für die Reichen, die Dummen oder Gescheiterten« gehandelt wird, kommt diese Studie gelegen, um auch bestimmte Vorurteile zu entkräften. Besonders auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass die Waldorf-Eltern einen weit überdurchschnittlichen schulischen Abschlussgrad besitzen.

75 Prozent von ihnen haben eine Hochschul- oder Fachhochschulreife, während es sonst nur 31 Prozent sind. Interessant ist, dass etwa ein Zehntel der Waldorf-Eltern selbst eine Waldorfschule besucht haben. Andererseits konnte herausgefunden werden, dass die Waldorf-Eltern im Durchschnitt nicht über höhere Einkommen verfügen als andere Elternhäuser. Stattdessen legen sie im Vergleich zu dem deutschen Bevölkerungsdurchschnitt ein stärkeres Gewicht auf Werte wie Nachhaltigkeit, Kreativität, Autonomie, Altruismus und Ökologie. Weit weniger bedeutsam sind ihnen stattdessen die konventionellen Werte Tradition, Sicherheit und Konformität.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass sich die typische Elternschaft einer Waldorfschule aus fünf verschiedenen Gruppierungen zusammensetzt: die »Konservativen«, die »Zurückhaltenden«, die »Überzeugten«, die »Begeisterten« und schließlich die »Fordernden«. Was Waldorf-Eltern allgemein auszeichnet, ist dabei ihr hohes Engagement. 67 Prozent von ihnen sind in einem Ehrenamt tätig, während in der Bevölkerung nur 44 Prozent ein Ehrenamt ausüben. Auch hinsichtlich der Spendenfreudigkeit dürfen Waldorf-Eltern als vorbildlich bezeichnet werden. Die Bereitschaft, Geld für soziale und gemeinnützige Zwecke zu spenden, liegt bei ihnen 25 Prozent höher als der Bundesdurchschnitt. Unter den Elternwünschen sticht heraus, dass 93 Prozent möchten, dass das Zentralabitur an der Schule abgelegt werden kann, 60 Prozent wünschen für ihre Kinder, dass sie mehr zu sozialer und ökologischer Verantwortung geführt werden, 55 Prozent wünschen sich eine höhere Gewichtung der Persönlichkeitsbildung, doch nur 25 Prozent Notenbeurteilungen ab der 5. Klasse. Als die größten Herausforderungen werden erlebt: Finanzen (Rückgang staatlicher Förderung), Atmosphäre (Profilschärfung), Selbstverwaltung (effektive Entscheidungsverfahren, Hierarchienproblematik), Modernisierung (Schwund der Anthroposophie, Tradition versus Anachronismen).

Mit dieser Studie kann auf einer validen Basis dokumentiert werden, dass Waldorf-Eltern – entgegen mancher Unkenrufe – in keinerlei Hinsicht elitär sind, sondern ein gutes Beispiel für eine fortschrittliche Schulkultur darstellen. Insofern ist dem Buch zu wünschen, dass es seinen Beitrag leisten kann, um der Waldorfschulbewegung auch in der Öffentlichkeit stärkeren Wind unter die Flügel zu verleihen.

Steffen Koolmann, Lars Petersen, Petra Ehrler (Hrsg.): Waldorf-Eltern in Deutschland. Status, Motive, Einstellungen, Zukunftsideen, broschiert, 279 S., EUR 29,95, Beltz Juventa, Weinheim 2018

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