Zwischenbilanz Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft

Von Daniel Mylow, November 2021

Das vorliegende Buch versammelt eine ganze Reihe erziehungswissenschaftlicher Studien zur Waldorfpädagogik. Es ist das Ergebnis einer von Dirk Rohde initiierten Ringvorlesung an der Universität Marburg anlässlich des Jubiläums der Waldorfschulbewegung 2019.

Die Vorlesungsreihe fand im Wintersemester 2019/20 statt und stellte im Jubiläumsjahr die einzige wissenschaftliche Veranstaltung zur Waldorfpädagogik an einer staatlichen Universität dar. Die vielfältigen Beiträge bieten einen spannenden Einblick in den aktuellen Stand der erziehungswissenschaftlichen Diskussion zur Waldorfpädagogik.

Den Auftakt macht der einzige englischsprachige Beitrag des Buches. Gert Biesta beschäftigt sich in ihm mit der Frage, was Waldorfpädagogik zur schulischen Erziehung nach Auschwitz beitragen kann. Sie rückt die Ich-Entwicklung der Schüler in den Mittelpunkt. Im Anschluss thematisiert Jost Schieren das Verhältnis der Erziehungswissenschaften zur Waldorfpädagogik und fordert eine Kultur des Dialogs ein. Dirk Randoll stellt mehrere Studien vor, durch die sich ein Blick auf die real existierende Waldorflandschaft eröffnet. Einen faszinierenden Einblick in die Beziehung zwischen der theosophischen Reformpädagogik und der frühen Waldorfpädagogik liefert der Beitrag von Heiner Ullrich.

Ein weiterer Themenblock setzt sich mit der Bildung von Lehrkräften auseinander. In mehreren Beiträgen werden Persönlichkeitsentwicklung, Ausbildung und Beruf des Klassenlehrers untersucht. Wilfried Sommer beleuchtet in einem dieses Thema abrundenden Beitrag das didaktische Modell des Epochenunterrichts.

Schließlich rücken die Schüler selbst in den Vordergrund. Die Gratwanderung zwischen reproduktivem und kreativem Lernen wird an Waldorfschulen intensiv diskutiert. Sie wird anhand zweier Schulbiografien durchdekliniert. Ebenso die vom Herausgeber Dirk Rohde in seinem Beitrag aufgeworfene Frage: Wie gehen Waldorfschüler mit zentral gestellten Prüfungsaufgaben um, gerade auch im Vergleich zur staatlichen Schule? Der Beitrag von Hanne Handwerk beschäftigt sich damit, wie Inklusion an unseren Schulen gestaltet werden kann. Die von Albrecht Hüttig initiierte erste Studie zur Elternschaft an Waldorfschulen bildet den Abschluss dieser beeindruckenden Sammlung.

Die Vielfalt waldorfpädagogischer Ansätze kommt in diesem Buch anregend zur Sprache. Es bietet nicht nur Anstöße für Debatten, sondern auch aktualisierende Bezugnahmen auf die anthroposophischen Grundlagen. Da sich die Autoren sowohl mit der Gegenwart als auch der Zukunft der Waldorfpädagogik beschäftigen, dürfte die Lektüre Kollegien und Elternschaften manch neue Perspektive eröffnen.

Dirk Rohde (Hrsg.): Waldorfpädagogik – eine Bestandsaufnahme. Erziehungswissenschaftliche Studien, 225 S., Softcover, EUR 29,95, Beltz/Juventa Verlag, Weinheim 2021

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