Schaurig schön: Kinder und die Lust am Gruseln

Februar 2013

Katharina Sieckmann im Gespräch mit der Kinder- und Jugendtherapeutin Eva Busch vom Winnicott-Institut in Hannover über die kindliche Angstlust.

© Klaus Fleige

KS: Darf man Kinder mit Gefühlen konfrontieren, die Ängste in ihnen auslösen?

Busch: Beobachtet man einen Säugling, der Hunger hat, kann man ein grundlegendes Muster erleben: Das Baby schreit, die Mutter reagiert meistens sofort und erzeugt damit eine wichtige Lernerfahrung, nämlich, dass ein solches Aufruhrgefühl der Vorbote eines angenehmen Gefühls ist. Das Baby empfindet ein Defizit, äußert das und wird kurz darauf versorgt. Das ist die Grundlage für das, was wir Angstlust nennen.

KS: Heißt das, dass für uns von Natur aus Lust und Angst zusammenhängen?

Busch: Um Angstlust empfinden zu können, braucht man ein Minimum an Sicherheit. Um Angst aushalten zu können, brauchen wir die zuverlässige Erfahrung, dass etwas gut ausgeht. Dieses Muster ist entscheidend für die Frage, wie Menschen mit Angst umgehen können. Erst wenn wir diese Sicherheit haben, dann macht der Stress, der durch das Ungewohnte ausgelöst wird, auch Spaß. Wir haben ein regelrechtes Bedürfnis, diese Lust zu spüren, etwas auszuprobieren, was wir noch nicht können, etwas zu wagen, das wir noch nicht kennen. Wie das Kind, das anfängt, die Treppe herunter zu springen und bei der Landung begeistert ist, dass es sich getraut hat.

KS: Bleibt diese Angstlust ein Leben lang bestehen?

Busch: Im Grunde ist sie ein wesentlicher Motor, der uns antreibt. Auch als Erwachsener möchte man noch neue Dinge tun, um sich zu spüren, um sich wahrzunehmen und sich auszuprobieren. Einmal 260 auf der Autobahn fahren, mit Skiern über die schwarze Piste fahren oder den Atlantik mit dem Segelboot überqueren: Wir tun all das, weil es uns Lust macht und Angst. Und das beginnt schon sehr früh. Im Kinderwagen fangen die Kinder an das »Weg-Da-Spiel« zu spielen. Jemand guckt in den Wagen, das Kind guckt und dann guckt es schnell weg und versteckt sich wieder hinter seiner Decke. Und dann guckt es wieder hervor. Es gibt schon hier eine Lust, sich nicht nur dem Vertrauten zuzuwenden, sondern das Neue zu betrachten. Angstlust hat immer mit Neugierde zu tun, damit, etwas wagen zu wollen. Wir bewegen uns immer zwischen den Polen »Bedürfnis nach Sicherheit« und »Lust auf das Abenteuer«.

KS: Würden Sie sagen, dass es sinnvoll ist, mit Kindern spannende Theaterstücke oder Filme anzusehen, damit sie merken, es geht gut aus?

Busch: Kinder haben den Impuls, etwas zu wagen. Wenn sie überfordert sind, dann steigen sie aus Selbstschutz aus und sagen, dass sie nach Hause möchten. Und bei dem einen Kind ist es dieses und bei dem anderen Kind ist es jenes, was überfordert, das ist individuell unterschiedlich. Ich bin aber überzeugt, dass Kinder Eltern brauchen, die ihnen auch Spannendes erlauben. Diese weichgespülte Pädagogik, die immer alles zu martialisch und brutal findet, ist kontraproduktiv, weil die Kinder nicht lernen, mit ihren Aggressionen umzugehen. Kinder spielen ständig Cowboy und Indianer und sie spielen das gerne, weil es in diesen Spielen auch den Guten und den Bösen gibt und der Gute besiegt den Bösen und dann ist die Welt wieder in Ordnung.

KS: Gelingt es Kindern, zwischen Realität und Phantasie, zwischen Ernst und Spaß zu unterscheiden?

Busch: Das können sie schon recht früh, ab dem 3. oder 4. Monat. Das Kind nimmt das Kuscheltier und überträgt ihm Funktionen, die sonst die Eltern haben. Im Erleben des Kindes tröstet das Kuscheltier das Kind. Für Kinder ist im Spiel alles erlaubt, da kann man auch andere totschießen. Wenn der Stress überhand nimmt, sagen sie sich selbst, dass das ja nur ein Spiel ist und so können sie sich selber beruhigen.

KS: Gibt es denn eine konkrete Regel, was man Kindern in welchem Alter zumuten kann?

Busch: Man sollte bis zu einem bestimmten Alter Kinder nicht allein vor dem Fernseher sitzen lassen, weil ihre Selbstberuhigung nur bis zu einem gewissen Punkt funktioniert und sie einfach einen sicherheitsspendenden Erwachsenen an ihrer Seite brauchen. Es ist immer eine Frage der Dosis. Es ist auch gut für das Kind, wenn es nachts aufwacht und schlecht geträumt hat und es ruft nach der Mama, dass die nicht immer sofort da steht, sondern dass das Kind auch einen Moment eine Chance hat zu erleben, dass es in seinem Zimmer ist und dass alles in Ordnung ist. Es gibt Phasen, da ist ein Kind vielleicht überfordert von den Bildern, die es erlebt hat, und am nächsten Tag scheint die Sonne und es war im Schwimmbad und schon ist alles vergessen. Oder andersherum kann es auch sein, dass ein Kind zu sehr ferngehalten wurde von den vermeintlich spannenden Dingen des Lebens und dann trifft es auf dem Spielplatz einen Rabauken und schon wird das wieder ausgeglichen.

KS: Es ist also kein Problem, wenn es mal Ausrutscher in die eine oder andere Richtung gibt?

Busch: Nein, gar nicht! Ich würde sogar sagen, die muss es geben, weil das Leben nicht ausrechenbar ist und das Kind unbedingt erleben soll, dass manchmal etwas nicht funktioniert und dass man aber trotzdem am Leben bleibt.

KS: Wie würden Sie denn den konfrontativen Ansatz des Stückes »Hinter der Tür« beurteilen?

Busch: Paul führt vor, dass man aus der Spannung heraus ins Handeln kommen kann und das ist eine wichtige Botschaft für Kinder, dass sie ihre Ideen und ihr kreatives Potenzial ausschöpfen können, um durch schwierige Situationen zu kommen. Und für die Eltern ist es auch gut zu sehen, wie hilfreich dieses Aktivwerden für die Kinder ist, dass sie manchmal Dinge tun, die wir seltsam finden, dass sie ihnen aber helfen, durch die Angst hindurchzukommen und sie zu bewältigen. Kinder mit einer ausgeprägten Angstlust, die schauen sich so ein Stück an, empfinden eine gewisse Bewunderung für Paul und kommen nach Hause und spielen ähnliche Szenen nach. Die Eltern sollten sich gut anschauen, ob ihre Kinder ein Unbehagen äußern, aber ansonsten ist das ein guter Ansatz, der hier umgesetzt wird. Es ist ein Stück, von dem Eltern und Kinder profitieren können. «

»Hinter der Tür oder Wie man Monster zähmt« ist das erste Stück des Figurentheaters Neumond, mit dem der Hannoveraner Figurenspieler Christian Kruse eigene, neue Wege geht. In Kooperation mit dem Berliner Regisseur und Kinderbuchautor Christian Duda (»Alle seine Entlein«, »Schnipselgestrüpp«) wagt er mit dieser Inszenierung ein Experiment, das die Grenzen des gewohnten Figurentheaterspiels überschreiten soll.

Paul ist acht. Er kommt erschöpft aus der Schule und ist allein Zuhause. Mama arbeitet und Papa ist weg. Im Kühlschrank steht Rosenkohlauflauf mit Tofu und Sauerkraut. Ansonsten warten da nur sein Frosch Albert und sein Freund Bernd der Polizeiteddy, dem nichts entgeht. Ach ja und da lauert noch jemand: Hinter der Tür, die schon seit geraumer Zeit verschlossen ist, sitzt ein Monster. Ein schreckliches, riesiges und abscheuliches Monster. Paul hat Angst.

»Wir gehen den Weg der maximalen Herausforderung. Wir wollen die Kinder mit Schrecken konfrontieren, wir wollen Schrecken inszenieren und ausspielen«, erzählt Autor und Regisseur Christian Duda. Vom ersten Moment an werden die kleinen und großen Zuschauer hier mit starken Emotionen konfrontiert. Paul seufzt und stellt sich dann mit all seiner Phantasie und Kreativität seiner Angst.

Nähere Informationen unter www.figurentheaterneumond.de

 

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