Schenken und Kaufen

Von Frank Hörtreiter, Dezember 2009

In meiner Kindheit – ich bin mit fünf Geschwistern aufgewachsen – haben alle Familienglieder die Weihnachtsgeschenke gleich zeitig ausgepackt. Kaum einer hatte die Muße, in all dem Geknister der Verpackungen alles recht zu würdigen. Meine Frau und ich haben daraufhin verabredet, dass am Heiligabend nichts ausgepackt wird.

Vom ersten Feiertag an hat reihum jeder ein Geschenk angeschaut (zuerst die Gaben der Anwesenden, dann der Paten, dann der anderen Freunde) und die anderen nahmen Anteil. Oft wurden die Spielzeuge sogar erst einmal »benutzt«. Wenn auch – neben all dem Singen, Spielen, Genießen – das Besichtigen mehrere Feiertage dauerte: Was schadete es? Man sprach über die Gaben und Geber und freute sich. So wurde das Urbild des Schenkens wieder in Kraft gesetzt, nämlich dass Freude gespendet wird. Was kann man alles schenken! Jeder Umzug zum Beispiel bietet Fundgruben. Schenken kann befreien – Schenken kann binden. »Gratis« heißt ja: aus Gnade, ohne Lohn.

Ein bitteres Sprichwort lautet: »Schenken heißt angeln«. Jeder kennt Geschenke, die eigentlich den Empfänger verpflichten sollen. Das gibt ihnen einen bitteren Beigeschmack. Und da geht es nicht bloß um dingliche Gaben. Wenn man einem Kind etwas verspricht: »Morgen gehe ich mit Dir ins Freibad …« und dann in die entstehende Freude hinterherschiebt: »… aber nur, wenn Du heute Dein Zimmer aufräumst« – ist dann dieses »Geschenk« nicht schon wieder von einem zweckbestimmten Handel überdeckt?

Wer nicht frei schenken kann, muss mit vermeint­licher Undankbarkeit rechnen

Selbst in der Freundschaft und Liebe gibt es Schenken – oder auch Kaufen. Meine Freundlichkeit, die auf einen Erfolg zielt, trägt Berechnung in sich. Das erleben Eltern, die nicht wirklich frei schenken können: Sie werden früher oder später mit dem unguten Gefühl leben müssen, dass ihre Kinder vermeintlich undankbar sind. Eine Mutter, die ihren Kindern vorhält, dass sie ihnen »ihre besten Jahre geschenkt« habe, erntet verstohlenen oder offenen Verdruss. Wenn sie ihre Zuwendung nicht gern gegeben hat, dann war zuwenig Freiheit, Großzügigkeit darin, und daraus entsteht zuwenig Gutes. Kinder schenken ja zunächst einmal gerne. Und sie möchten die Freude des Beschenkten erleben, ohne dass sie damit etwas erkaufen möchten. Wie wichtig ist es, Geschenke genügend zu würdigen! Aber diese Würdigung besteht darin, dass wirklich angeschaut und gedankt wird; von einer Gegengabe braucht nicht die Rede zu sein.

Wir brauchen das Schenken wie das Atemholen

In »Dichtung und Wahrheit« schreibt Goethe von dem heute weithin vergessenen Dichter Gleim, er brauchte das Schenken wie das Atemholen. Gleim war der größte Unterstützer der Dichter seiner Zeit. Er beschenkte als wohlhabender Mann ohne Berechnung. Seine Wohnung – der heute noch sehenswerte »Freundschaftstempel« in Halberstadt – war ausgestattet mit Bildern von etwa 150 Freunden. Wenn Gleim an einen von ihnen einen Brief schreiben wollte, ließ er sich seinen Schreibstuhl vor das jeweilige Portrait rücken, und dann schrieb er, was ihm im Anblick des Bildes in den Sinn kam. Die so entstandenen Briefe sind Zeugnis einer Freundschaftsfähigkeit, die erst den Menschen vor das Auge rückt, und ihn dann beschenkt mit seiner Zuwendung. Möge es viele gute Geschenke geben in dieser Weihnachtszeit, und dadurch einen Austausch ohne die vielleicht auch heimliche Erwartung nach Gegenlohn! 

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