Schleichender Verlust

Von Mathias Maurer, November 2014

Auf dem Weg zur Schule: Jan checkt noch kurz seine Mails, rennt auf dem Weg zur U-Bahn gegen einen Passanten, verpasst die Haltestelle, wo er aussteigen will ... Gibt es dafür nicht eine App, die dann bimmelt?

Jan postet noch schnell, wo er heute Mittag ist, vielleicht trifft man sich zum Döner. An der Bushaltestelle: Manche Zahnlückengesichter, doch nahezu alle zücken ihre Geräte. Es scheint, dass sie nur noch medial kommunizieren, obwohl sie nebeneinander stehen. Wir warten. Ich komme mit einigen von ihnen ins Gespräch über das Neueste auf dem Markt. Ich frage: »Habt ihr Internet?« – »Klar«, kommt es aus einem Munde ... und gucken, als wäre ich nicht ganz dicht.

Am Abend habe ich mich in der Stadt mit Kollege Bert verabredet. Das Lokal, das er navigiert hat, ist rappelvoll. Sofort googelt er nach einer Alternative von unserer Position aus. Während er heftig auf seinem Gerät herumfummelt, nutze ich die Zeit und sehe mich um. Direkt um die Ecke ist das, was wir suchen. Er kann es kaum glauben, ich muss ihn schier ins Lokal zerren. Später will er mich nach Hause fahren. Ich sage, lohnt sich nicht, ich bin in fünf Minuten durch den Park zu Fuß da. Er besteht darauf, wir setzen uns ins Auto, er schaltet das Navi ein, steckt sein iPhone ans Kabel, gibt – Land – Stadt – Straße – den Zielort ein, das Navi sucht, sagt es gebe mehrere ähnliche Straßennamen, ja welche denn? Es werden drei Routen vorgeschlagen, ja, welche denn?, es dauert gut fünf Minuten. Nach einer Viertelstunde sind wir angekommen.

Was uns als Erleichterung des Alltags verkauft wird, kostet uns reale Lebenszeit, reduziert unseren Wahrnehmungshorizont auf ein 5 x 5 Zentimeter großes Display, suggeriert uns permanente Orientierung in einer scheinbar nicht mehr anders zu durchdringenden Welt des Angebots. Informationen einzuholen ist nicht mehr mit der Anstrengung des Gehirns verbunden, sondern höchstens noch mit der des Daumens. Um diesen Informationswust sinnvoll selektieren oder strukturieren zu können, bräuchte man Hintergrundinformationen. Die haben Kinder und Jugendliche – und viele Erwachsene, die der Bewusstsein­sindustrie bedenkenlos intimste Informationen preisgeben, eben nicht.

Spätestens seit das Ausmaß der Datenkontrolle und der Datenwirtschaft an die Öffentlichkeit kam – das sicher erst die Spitze des Eisbergs darstellt – ist es ein pädagogischer Imperativ, darüber aufzuklären, dass man im Netz seine Privatsphäre verlässt. Und die neueste Entwicklung zeigt: Google, Facebook und Co. arbeiten nicht nur daran, detaillierte Profile der Nutzer gewinnbringend und immer raffinierter zu verkaufen, sondern auf Schiffen in staatenlosen Gewässern die Realität neu zu definieren. Dann merkt der Vollnutzer nicht einmal mehr, dass seine Freiheit irreversibel verloren gegangen ist. Orwell lässt grüßen: Das menschliche Ich verschwindet, sein digitaler Schatten regiert.

Folgen