Schleierhaft

Von Ute Hallaschka, September 2016

Die aktuelle Burkadebatte ist zum Verzweifeln. Es geht um die Frauen und es geht wieder mal nur um die Frauen. Wie sie sich kleiden – das ist das eigentliche Thema.

Höhepunkt der Redeschlachten in den Talkshows ist erreicht, wenn die Kleiderordnung Ost-West im Namen der Freiheit gegeneinander antritt. Menschenskind, lasst die Frauen doch kneifende beinfreie Höschen tragen oder sich schwarze Säcke überwerfen, wenn sie das so wollen. So sind die Mädels eben, die tun alles Mögliche, um zu gefallen. Wer wollte ihnen das verbieten!

Erinnern wir uns an das Hippie-Zeitalter, ist ja noch gar nicht so lange her, an die große Klamotten-Revolte. Da ging es wahrlich geschlechtergerecht zu. Lange Haare für alle, Pluder- oder Latzhosen, Sackkleider oder überhaupt gleich splitternackt in Wolldecken gehüllt. Traumhaft! Auch in der kurzen Phase des sozialistischen Menschenbilds waren beide Geschlechter neutral. Mao-Baumwolljäckchen in Einheitsblaugrau und die engen Jeans. Ob Mann oder Frau, wenn man sie zum ersten Mal trug, musste man die Luft anhalten und sich damit in die Badewanne legen. Anders ging es nicht.

In den Hippie-Zeiten wurden auch die Füße befreit. Wer nicht in Sandalen oder barfuß latschte, der trug Plateauschuhe. Besonders beliebt bei kleinwüchsigen Rockstars. Große Frauen trugen das eher nicht. Und dann die Lieder der Revolution. Franz Josef Degenhardt: »Sogenannte Klassefrauen, sind sie nicht pfuiteuflisch anzuschauen …« – der Song handelte davon, dass sich modebewusste Frauen notfalls den Kopf abhacken ließen, wenn es gerade angesagt wäre – freiwillig natürlich!

Was man daraus lernen kann, ist simpel: Frauen müssen kleidungstechnisch befreit werden – egal wozu – Männer offenbar nicht. Die waren und sind anscheinend bis zum heutigen Tag individuell Herr ihrer Klamottenwahl. Sollte das wahr sein, und es spricht ja einiges dafür … ja, was dann? Gut, es gibt ein bisschen Spielraum inzwischen. Man kann sich als Frau problemlos den Kopf rasieren wie Hella von Sinnen, oder als Mann wie Conchita Wurst so ins enge Kleidchen einpellen lassen, dass man nur noch in Trippelschrittchen an der Hand eines Helfers laufen kann – rise like a phenix!

Mode ist ein untotes Wesen, das geistert durch die Zeit, unsterblich wie ein Vampir. Alles kommt wieder. So wie die Neuauflage der heißen Höschen aus den 1970er Jahren. Früher trugen Hollywoodstars gern Kopftuch im Cabrio. Kein Mann sollte je eine Frau mit vom Winde verwehten Haaren sehen. Das ist übrigens ein echter Nikab-Vorteil, das tägliche Kopfwaschen entfällt. Frau kann mit fettigen Haaren einfach auf die Straße gehen, sieht ja niemand!

Gendergerechtigkeit in der Bekleidung ist eine atmosphärische Frage. Im hohen Norden, bei den Inuit, bei knackigen 40 Grad minus, gehen einfach alle in Wolle und Tierfell – sogar die Veganer. Oder in der Wüste, wenn die Sandstürme kommen. Da verschließen selbst Kamele die Augen, Männer und Frauen verhüllen sich hier in schöner Eintracht.

Hierzulande, in den gemäßigten Zonen bleibt uns nur das Oktoberfest. Wenn wieder ozapft wird, dann hüllt sich die Republik von Flensburg bis Berchtesgaden ins Maßkostüm. Frauen im Dirndl offenbaren – busenunterstützt –ihre wahre Weiblichkeit, während die Kerle in kurzen Lederhosen ihre Wadenmuskeln spielen lassen. Ach, Gott! Weiter ist nichts dazu zu sagen. Doch eines noch: irgendein Schutzengel des gesunden Menschenverstands ist offenbar vom Glauben abgefallen. Vielleicht ist er ein Bier trinken gegangen. Wenn ich den erwische, reiß ich ihm sämtliche Federn aus. Dann kann er mal sehen wie das ist, mit den Bekleidungsfragen…

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen