Schön viel Musik im Kindergarten

Von Susanna Gneist, Juli 2014

Was geschieht, wenn wir singen? Wem gilt unsere Stimme? Was spricht sie? Meine Stimme teilt mit, wer ich bin, woher ich komme, was mich ausmacht, wohin ich unterwegs bin, wonach sie sich eigentlich sehnt. – Die Musikpädagogin Susanna Gneist hat ein generationen-übergreifendes Musikprojekt im Kindergarten initiiert.

Der Waldorfkindergarten Göttingen hatte die Sehnsucht, sich mehr um die Stimmen und um die Stimmung im Haus zu kümmern, sich musikalische Impulse ins Haus zu holen. Ich konnte mir gut vorstellen, meine Erfahrungen als Musikerin im Kindergarten einzubringen und ein Musikprojekt eigens für dessen Bedürfnisse zu entwickeln. Die Idee zu einer Zusammenarbeit entstand.

Es begann mit fünfzig Kindern, zehn Erzieherinnen und jungen Mitarbeitern sowie den Eltern und Großeltern. Zugewandte und Ehemalige kamen hinzu. Wir wollten nicht nur Musik machen, sondern im weitesten Sinne »musikalisch arbeiten«.

Es fing ganz klein an. Ich setzte mich in der ersten Zeit mit in die Gruppen, tätig in allem Tagesgeschehen, in Beziehung tretend und mir ein Bild machend von den Gruppenverhältnissen, der Beschaffenheit der Stimmung. Ich filterte intuitiv den akustischen Raum. Wer spricht? Zu wem? Wie viel? Wie? Laut, leise, schnell, hart, befehlend, bittend, hoch, tief, liebevoll, zugewandt, eindringlich, scheltend, verstummend, klar, einfühlsam, belebend, in Versen, sprachgestaltend, in der Gruppe, zu Einzelnen, nur zu Kindern, Kleine zu Kleinen, Kleine zu Großen, Erwachsene unter sich, Eltern unter sich, Eltern und Erzieherinnen. Wird gesungen? Zur Freude? Oder zum Gehen? Oder beides? Wie hoch? Kommen die Kinder mit beim Lied? Oder ist es doch zu tief angesetzt für Kinderstimmen? Was ist mit allen anderen Geräuschen, Tönen, Klängen, dem Lachen, Weinen, Poltern, Krachen und Rascheln? Erkennen wir die Menschen am Klang ihres Gangs? Jede Gruppe, jeder Erwachsene und jedes Kind bekamen unter all diesen Aspekten ganz viel Aufmerksamkeit. Ich war da und durfte mal hier, mal dort ein Lied, ein Handgestenspiel, einen Reigen mitmachen oder gestalten.

Geschichten aus Tönen

Ein reiches Bild wollte ich in mich aufnehmen, um nach und nach mit Einzelnen oder in Gruppen ins musikalische Tun überzugehen. Zum Anfangen eigneten sich am besten die Vorschulkinder mit ihrer Wachheit und ihrem Zutrauen. Für eine kurze Sequenz verließen wir den Gruppenraum und tauchten ein ins Geschichtenerzählen. Der Klang der Zimbeln eröffnete und beschloss die Geschichte, die auf der Kinderharfe und anderen Instrumenten gespielt wurde, reihum wie eine Fortsetzungsgeschichte. Kein Kind kam je auf die Idee, die Geschichte mit Worten zu erzählen, oder auch nur zu fragen, ob es spielen solle oder wie. Jedes Kind ging auf mein Angebot ein und nahm an dieser fast feierlichen Handlung teil. Sie fabulierten aus reinen Tönen, mal gestrichen, mal gezupft, mal mit großen Sprüngen, mal akkurat jede Saite lückenlos klingen lassend, mal verkehrt herum, mal nur einen Ton spielend, mal selbstvergessen, mal wild … Die Kinder waren wie offene Bücher. Sie taten einen tiefen Atemzug am Ende und waren selber so beglückt, dass sie immer wieder folgen wollten – in die Musik, die eigentlich ihre war.

Klangreisen mit Kastanien

In der ganzen Gruppe übernahm ich den wöchentlichen Musikabschlusskreis. Es wurde ein Moment geschaffen, anders als der Reigen, aber doch ihm gleichend, der angeregte Klangreisen gemäß der Jahreszeit und der gegenwärtigen Stimmung der Gruppe hervorbrachte:

Reisen ins Innere oder hinaus in die Naturklänge. Interessant war der Bogen vom kleinsten Wiegestubenkind, das mit hüpfenden Kastanien auf einer umgekehrten Trommel seine Freude hatte, bis zum besonnenen Vorschulkind, das sich mit Tonhöhenbestimmung befasste, um schließlich bei »Hänschen klein« zu wissen, wann es dran kommt, wenn es bei den Einton-Flötchen den Grundton erwischt hat.

Mindestens eine Quint höher

Die Kernarbeit bildete jedoch das musikalische Üben mit den Erzieherinnen. Die Besonderheit lag im langen Zeitraum von über einem Jahr und der Möglichkeit des kontinuierlichen, individuellen, aber auch gemeinschaftlichen Übens in kleinen Sequenzen. Wir haben nicht nur gesungen. Wir übten uns besonders im Hören von musikalischen Phänomenen und von stimmlichen und die Stimmung verändernden Tonlagen. Auch stellten wir Betrachtungen zum Duktus des Singens und Sprechens an. Einzeln arbeitete ich mit jeder Erzieherin an der »Erfahrung des Musikalischen« und dessen Potenzial und Bedeutung für die tägliche Arbeit. Die Erzieherinnen singen jetzt nicht nur mehr, sondern stimmen die Lieder mindestens eine Quint höher an, das heißt in der Höhe der Kinderharfe, die für die Arbeit mit den Kindern ideal gestimmt ist und jedem ungeübten Erwachsenen als viel zu hoch erscheint. Die Musik bietet für alle Aufgaben einer Erzieherin ein Übungsfeld: Im Takt bleiben, Abläufe optimieren, etwas nachklingen lassen, Raum und Stille schaffen, einer Einzelstimme folgen, Mehrstimmigkeit im Gruppenraum, symphonisches Miteinander, bewegte Einzelstimmen versus gehaltene Quint, geerdet im Grundton und angebunden an das Geistige in der Quint – dazwischen das Freilassen, der Spiel-Raum.

Die tiefgehende Arbeit durch die Musik an allen Stellen des Alltags im Kindergarten und bis hinein in die Elternhäuser hat in der ganzen Einrichtung ein größeres Bewusstsein geschaffen für lebendiges künstlerisches Tun und seine direkte positive Auswirkung auf die Kinder, wenn deren Bezugspersonen sich im künstlerischen Element leicht und sicher bewegen.

Zur Autorin: Susanna Gneist ist Lehrerin, Musikerin, Chorleiterin, Dichterin, Komponistin und musikalisch-pädagogische Erwachsenenbildnerin in Göttingen/D und Biel/CH. Kontakt: susanna.gneist(at)googlemail.com

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