Schöne neue Ritalin-Welt

Von Henning Kullak-Ublick, April 2012

Vor 80 Jahren veröffentlichte Aldous Huxley seine »Schöne neue Welt«. Der Roman handelt von einer Gesellschaft, die sich die Ideale Frieden, Stabilität und Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat. Zur Erreichung dieser Ziele werden bereits Embryonen physisch manipuliert und die Kinder später durch raffinierte Bewusstseinsmanipulation zu Angehörigen unterschiedlicher Kasten erzogen, die von der exklusiven Führungsgruppe Alpha-Plus bis zu den Epsilon-Minus-Menschen für die niedersten Arbeiten reichen. In dieser utopischen Gesellschaft kommt niemand auf die Idee, sich gegen sein eigenes Funktionieren aufzulehnen. Dafür sorgt eine unablässige Aneinanderreihung von Konsum, Sex und der Droge Soma, die jede Frage, jeden Zweifel, jedes abweichende Gefühl unterdrückt.

Über Konsum und Sex möchte ich hier nicht schreiben, aber über Soma: 1967 begann der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, einigen unruhigen Kindern mit Konzentrationsschwäche die psychische Erkrankung ADHS zuzuweisen. Diese Diagnose wurde auf immer mehr Kinder angewandt und führte in der Folge zu einer immer schnelleren Verbreitung von Medikamenten, die die Wirksubstanz Methylphenidat (MPH) enthalten, hierzulande vor allem unter dem Markennamen Ritalin bekannt. Heilung brachte das Medikament nicht, aber es beruhigte und führte oft zu besseren Schulleistungen. Außerdem fuhr es gewaltige Gewinne ein: Allein 2010 setzte die Firma Novartis weltweit Ritalin im Wert von 464 Millionen Dollar um. Wurden in Deutschland 1993 noch 34 Kilogramm dieser Substanz verabreicht, waren es 2010 schon 1,8 Tonnen, was für die tägliche Dosis von 250.000 Kindern ausreicht; auf ein Mädchen kommen dabei vier Jungen. Innerhalb von nur siebzehn Jahren hat sich der Verbrauch verfünfzigfacht. Das Gleiche gilt für die Diagnosen, die diesen hohen Verbrauch verursachen. Inzwischen weiß man: Ritalin ist eine Modedroge.

Kann es wirklich sein, dass wir jeden Tag 250.000 Kindern ein Medikament verabreichen müssen, damit sie in der Schule funktionieren? Kann es wirklich sein, dass viermal mehr Jungen an ADHS »erkranken« als Mädchen? Oder ist eine Gesellschaft, ein Schulsystem krank, das mit diesen Kindern nichts anzufangen weiß? Was müssen wir ändern, wenn immer mehr Kinder und Jugendliche sich nicht mehr in unserem auf Konkurrenz und Selektion angelegten Schulwesen zurechtfinden?

Wir brauchen Schulen, die jenseits aller Anpassungszwänge Freiräume für die Bedürfnisse der ihnen anvertrauten Kinder schaffen. Insbesondere die jüngeren Schulklassen brauchen pädagogische Teams, die genug Zeit für die Kinder haben, um mit ihnen das Weltentdecken zu entdecken und gegebenenfalls auch therapeutisch zu wirken. Statt Anpassung ist unsere Aufmerksamkeit gefragt. Huxleys »schöne neue Welt« funktioniert nur, weil niemand merkt, dass er selbst nur funktioniert.

Merken wir es? Haben wir den Mut, Schulen jenseits von Anpassung und Selektion zu betreiben? Die Kinder mit dem »Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom« sind vielleicht unsere besten Verbündeten, um Schule wieder neu zu denken, weil sie uns einen Spiegel vorhalten.

Henning Kullak-Ublick, seit 1984 Klassenlehrer (zurzeit freigestellt), Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, Aktion mündige Schule (www.freie-schule.de)

Kommentare

Heike Stammler, 27.04.12 08:04

Der Artikel macht mich sehr betroffen. Auch in meiner Umgebung weiß ich von Kindern, die mit diesem Stoff beeinflußt werden - das auf Wunsch von Lehrern, mit dem Einverständnis der Eltern, unter Leitung der Ärzte und zum Gewinn der Pharmaindustrie.

Beatrice Lührig, Titisee-Neustadt, 12.09.18 19:09

Mich macht der Artikel auf andere Weise betroffen, als meine Vorrednerin ... unser Sohn hat ADS - in der Schule. Merkwürdigerweise nicht zuhause. Obwohl ich glaube, dass wir einfach gelernt haben, ihm in einer Weise Eltern zu sein, die keine Symptome macht. Wir waren an der Waldorfschule und sind es mit unseren anderen Kinder auch weiterhin und in ein paar Monaten, die er nun zuhause beschult wird - ärztlich und therapeutisch begleitet - soll er zurück dürfen an die Waldorfschule.

Allerdings wurde mit uns aktuell trotzdem (vorsorglich) über Ritalin gesprochen - damit er auch sicher an der Waldorfschule beschulbar sein wird. Uns wurde gesagt, dass er zwar eigentlich ganz normal ist, wenn er genug Zeit in ruhiger Umgebung - also eben auch nicht im Klassenverband - bekommt, aber das Schulgesetz verlangt eine normale Beschulbarkeit im System.

Wir wurden darüber aufgeklärt, dass - sollte der Plan, den wir aktuell aus therapeutischer und schulischer Sicht verfolgen, nicht aufgehen - wir als Eltern sogar gezwungen werden könnten, unserem Kind Ritalin zu geben ... sogar, um ihn an eine Waldorfschule zu schicken.

Ich wünsche mir noch ganz andere Dialoge und würde von Herzen gern mal mit Herrn Kullak-Ublick direkt darüber sprechen. Mich hat es sehr erschreckt und ich empfinde es als regelrechte Drohung meinem Kind und uns gegenüber.

Eltern sind in diesen Entscheidungen nicht so frei, wie sie sein müssten. Das wusste ich bislang eben auch nicht. Das erfährt man wohl erst, wenn es an die Türe klopft.

Möge die Waldorfpädagogik halten, was sie sein will und kann ... dass sie es kann, davon bin ich überzeugt.

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