Schrott wird vermöbelt

Von Barbara Messmer, Juni 2013

Carolin Breme, ehemalige Schülerin der Freien Waldorfschule Bonn-Tannenbusch, lässt sich von Schrott inspirieren und »vermöbelt« ihn.

Schönheit aus dem Müll. Carolin Breme, ehemealige Waldorfschülerin verwandelt ausrangierte Objekte in Kunst.

Sie liebt alte Dinge. Sie liebt die Grenze, an der Kultur langsam von der Natur zurückerobert wird. Sie liebt, dass unter ihren Händen ein Gegenstand ein neues Aussehen und eine neue Funktion bekommt. Sie lässt sich von Schrott, kaputten oder weggeworfenen Dingen anregen und verarbeitet sie zu Möbeln oder neuen Gebrauchsgegenständen. Denn für Carolin Breme (20) beginnt Schönheit, wo andere nur Auflösung sehen.

Carolin Breme hat die Gabe, sich in leblose Dinge einzufühlen. Eine verrostete Herdplatte am Wegrand zum Beispiel erzählt ihr eine Geschichte: die Geschichte eines entlassenen Dieners, der noch die Spuren von Menschenhänden an sich trägt. Er war einmal nützlich und wurde beachtet, half viele Essen zubereiten. Um ihn schwebten Gedanken und Gefühle, die diese Vorgänge begleiteten. Aber die Kochplatte ist jetzt in einen anderen Zusammenhang geraten. Wind, Wasser und Wetter haben über längere Zeit stark auf die äußere Form eingewirkt; sie ist verbeult, vom Rost angefressen, ihre Schutzschicht beschädigt. Sogar die Kochplatten fehlen, an ihrer Stelle sind nur noch zwei Löcher. Was einmal ein Stück der häuslichen Kultur war, hat eine sonderbare Gestalt bei der Rückbildung angenommen.

Das Ineinanderspiel von Natur und Kultur beflügelt Carolin Bremes Phantasie und inspiriert sie. Für sie hat diese Zwitternatur eine eigene Formensprache, der sie ablauschen will, welcher neuen Funktion dieser Gegenstand noch zugeführt werden möchte. Dann dauert es unter Umständen Wochen, bis sie weiß, was sie daraus machen will. Hat sie dann eine Idee gefasst und diese anhand einer Planskizze konkretisiert, geht sie mit viel technischem Geschick und inzwischen großem Know-How an die Arbeit. Carolin Breme kann die meisten Schreinerarbeiten, und sie kann nieten, löten und schweißen. Sie arbeitet präzise und konzentriert. Vieles entwickelt sich dabei noch einmal anders. Sie kombiniert das Alte, Verrottete mit einer kargen, schlichten Ästhetik, sie kontrastiert das Verbrauchte mit neuer Farbe oder neu ergänzten Teilen. Die Möbelstücke sehen schön aus und haben einen Nutzen.

Schönheitssinn und Schöpferwille

Dabei hat sie einen »Erlösungszauber« angewendet und das vergessene, missachtete Ding einer neuen Aufgabe zugeführt, die nicht nur eine funktionelle, sondern auch eine ästhetische Wirkung hat. Die verrostete Kochplatte hängt nun als Tür an einem Wandschränkchen. Aus einem alten Weinfassdeckel wird mittels gedrechselter Füße ein Sofatisch. Aus vornehmen Stoffen eines alten Polstermusterkataloges entsteht eine Serie von edlen Patchwork-Kissen. Eine bekleckste Malerleiter gestaltet sie zu einem fahrbaren Bücherregal um und untersucht für die Farbgebung die Flecken auf dem Holz, bis sie sich für die zartgrüne Farbe eines Spritzers entscheidet und diesen Ton dann geduldig anmischt. Schönheitssinn und Schöpferwille sind zwei der Faktoren, die Carolin Breme motivieren. Der dritte ist ein gesellschaftlicher: Sie empfindet die wachsenden Müllberge als Belastung für die Natur und unseren Planeten.

Carolin möchte der Wegwerfgesellschaft und einer verantwortungslosen Massenproduktion – für den schnellen Neukauf konstruiert, mit eingebautem Verschleißdatum – etwas entgegensetzen.

Die Ausstellung der documenta 2012 in Kassel war in fünf verschiedene Aspekte gegliedert. Einer hieß: »Unterbrochene Objekte: Was bleibt von den Dingen?« Dieses Motto könnte man auch über die Arbeiten von Carolin Breme setzen und es würde eine sehr konkrete Bedeutung bekommen: Was von den Dingen geblieben ist, hält sie fest, veredelt es und macht es bleibend für eine neue Zeit. Die Unterbrechung der Dinge im Gebrauch nutzt sie, um einzugreifen. Diesen Prozess kann man in die Zukunft unendlich fortgesetzt denken. Damit gäbe man den Dingen ihre Würde immer wieder neu zurück.

Wie ich die Fensterläden fand

»Von einer Freundin hörte ich, nahe bei uns am Waldrand stehe ein verlassenes Haus. Brombeerranken versperrten den Einfahrtsweg. Die Haustür stand offen, überall war der Boden von Sachen bedeckt. Es herrschte eine skurrile Stimmung. Im ehemaligen Badezimmer lagen ordentlich zusammengefaltete Handtücher auf einem Regal, während durch das Fenster schon der Efeu hereinrankte. In einer Ecke erblickte ich eine Matratze, auf der ein Schlafsack ausgerollt war und ein kleines Jesuskreuz auf der Kopfseite lag. Hinter dem Haus erstreckte sich ein sehr langer Schuppen. Hier standen Transportkarren, leere Ölkanister und allerlei Geräte herum. An einer Schuppenwand entdeckte ich die zwei Fensterläden. Irgendwie gefielen mir die Farbe und die Patina des Holzes. Ich beschloss, sie mal mitzunehmen …«

Die Entstehung des Kanister-Schrankes

»Irgendwie gefiel mir der alte Wassertank mit all seinen Rostflecken und ich überlegte, was ich aus ihm machen könnte. Wir transportierten ihn erst einmal nach Hause. Hier wurde er ein Jahr lang von einem Ort zum anderen gehievt, weil er überall im Weg stand. Wenn ich an ihm vorbeikam, überlegte ich immer wieder, was aus ihm werden könnte. Ich machte Skizzen eines Schranks. Hierbei lockte es mich, mit einem ganz anderen Material als mit Holz zu bauen.«

Kommentare

isabel , 07.02.14 23:02

Und? Weiter????

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