Schützen statt Drücken

Januar 2018

Professor Michael Schulte-Markwort ist Kinder- und Jugendpsychiater am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und leitender Arzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik des Altonaer Kinder­krankenhauses. Er ist bekannt für seine Arbeiten zu psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, besonders zur Erschöpfungsdepression. Ein Gespräch.

Martin Schulte-Markwort. Foto: © Berthold Fabricius

Erziehungskunst: Worunter leiden Kinder heute am meisten?

Michael Schulte-Markwort: Das ist eine schwierige Frage, da es eine Frage nach der Epidemiologie ist. Am häufigsten sind Depressionen und Angststörungen.

EK: Was sind die Gründe für das Leid der Kinder?

MSM: Die Gründe sind sehr vielfältig, weil es Kinder gibt, die mit bestimmten Persönlichkeitskonstellationen auf die Welt kommen und für eine Angststörung disponiert sind. Dasselbe gilt auch für Depressionen. Es gilt aber auch umgekehrt: Kinder, die in einem guten Familienklima aufwachsen, haben ein um 50 Prozent reduziertes Risiko, eine Depression zu entwickeln.

EK: Sind psychische Erkrankungen also einerseits psychogenetisch bedingt, andererseits umweltbedingt?

MSM: Nein, nicht unbedingt nur psychogenetisch, es gibt auch biologische Faktoren. Das meinte ich mit angeboren. Der wichtigste protektive Faktor, der als Schutzfaktor gegen die Entwicklung von Depressionen fungiert, ist ein positives Familienklima, das heißt umgekehrt, ein negatives Familienklima erhöht das Risiko für Kinder depressiv zu werden.

EK: Was erzählen die Kinder in Ihrer Sprechstunde: Handelt es sich eher um familiäre oder schulische Dinge?

MSM: Das ist ganz verschieden. Ein hoher Prozentsatz von Ehen in Deutschland wird geschieden. Scheidung birgt als isoliertes Merkmal ein hohes Risiko, dass ein Kind psychisch auffällig wird. Hinter den Scheidungen verbergen sich in der Regel Paarkonflikte und Streit. Andererseits: 30 Prozent aller Neuntklässler in Hamburg sagen: »Ich habe Schulstress.«

EK: Was stresst die Kinder in der Schule am meisten?

MSM: Am meisten Lehrer, von denen sie sich nicht verstanden fühlen, die nicht gut erklären können, die respektlos sind, und ein Arbeitspensum, das sie kaum bewältigen können. Für Kindergartenkinder gilt, dass die vielen Sozialkontakte mit zwanzig und mehr anderen Kindern auch sehr anstrengend sind.

EK: Was muss sich ändern?

MSM: Das erste, was ich den Eltern sage ist: Sorgen Sie für wenig familiäre Konflikte. Das ist natürlich leicht gesagt. Aber ich denke schon, dass man sich ein wenig anstrengen kann, sich miteinander zu vertragen und auch attraktiv füreinander zu bleiben. Das andere ist, dass wir dafür Sorge tragen müssten, dass die Schulen besser gepflegt sind, dass die Klassen kleiner sind, dass Lehrer grundsätzlich und durchgehend von Respekt getragen sind und dass alle schulischen Akteure sich verantwortlich fühlen für ein Schulklima, in dem Kinder sich wohlfühlen. Es müsste auch eine andere Pädagogik praktiziert werden. Die Pädagogik in Deutschland ist defizitorientiert. Wir melden keinem Kind zurück, du hast dreißig von fünfzig Wörtern richtig geschrieben. Sondern wir sagen, du hast zwanzig von fünfzig falsch geschrieben.

EK: Sie sprechen von einer »Pädagogik des Gelingens«. Was verstehen Sie darunter?

MSM: Kein Lehrer kommt zum Beispiel auf die Idee, sich bei einem Kind damit zu entschuldigen, wenn es schlechte Leistungen erbracht hat, dass er ihm den Stoff nicht gut vermittelt hat. Das erfordert ein Umdenken. Man könnte dies den Lehrern plausibel machen, indem man fortlaufend die Schülerzufriedenheit misst und sie dem Lehrer anonymisiert zurückmeldet. Wenn Lehrer erfahren, dass zwanzig Kinder von fünfundzwanzig ihn mögen, dann hat er einen ganz anderen Ansporn, etwas zu tun oder auch etwas zu verändern, als ein Lehrer, der nur fünf positive Rückmeldungen bekommt. Bei uns in der medizinischen Fakultät ist es üblich, dass die Studierenden die Lehrenden einmal im Semester bewerten.

EK: Muss man dann als Lehrer nicht befürchten, dass die Schüler, gerade in einem bestimmten Alter, einen herausmobben?

MSM: Es gibt ein grundsätzliches Misstrauen von Erwachsenen Kindern gegenüber, dass sie so etwas ausnützen würden. Das ist unbegründet. Wenn wir Kinder ernst nehmen und ihnen mit Respekt begegnen, dann antworten sie auch immer mit Respekt. Kinder sind von sich aus nicht sadistisch oder aggressiv. Das ist eher unser Erwachsenenproblem.

EK: Eltern engagieren sich heute viel stärker für ihre Kinder als früher. Hat das auch negative Auswirkungen – Frühförderung, »Helikopter-Eltern« –, um nur zwei Schlagworte zu nennen. Sind nicht auch hier das eigentliche Problem die Erwachsenen?

MSM: Die Erwachsenen ja, aber nicht unbedingt die Eltern allein. Vielmehr die Erwachsenen, die um die Kinder sind. Ich wehre mich auch gegen den Begriff der Helikopter-Eltern. Sicher gibt es Eltern, die überfürsorglich sind. Aber ich rate Eltern immer, wenn sie im Zweifel sind, ob Schutz oder Druck angeraten ist: »Schützen Sie«. Wenn sie Zweifel haben zwischen Fördern und Fordern, dann bitte lieber Fördern. Ich finde es gut, dass sich Eltern heute so engagieren und ich finde es auch gut, dass Eltern zu mir viel früher kommen als vor zwanzig Jahren. Ich bin froh, oft sagen zu können: »Es ist gut, dass Sie da waren, aber machen Sie sich keine Sorgen, Sie haben ein tolles Kind.« Ich möchte, dass Eltern aufmerksam sind. Und da ist es mir lieber, sie sind einen kleinen Schlag zu aufmerksam. Ich sage auf der anderen Seite immer, man kann nicht genug lieben. Das geht nicht. Wir haben eher das Problem, dass es zu wenig Liebe gibt.

EK: Gibt es kein gesundes Maß dazwischen?

MSM: Eine spannende Frage, was gesund in diesem Kontext ist. Ich glaube, die Idee, dass es früher einmal einen Erziehungsinstinkt gab, ist eine romantische Vorstellung. Bei diesem Instinkt gab es Prügelstrafen und Kinder sind verhungert. Man könnte diese Liste beliebig fortsetzen. Insofern bin ich froh, dass wir das hinter uns gelassen haben. Was jetzt ein gesundes Maß ist, wird oft von außen festgelegt. Wir müssen immer berücksichtigen: Wenn Mediziner von der Gesellschaft aufgefordert werden, genauer zu diagnostizieren, dann sehen wir auch mehr. Das ist etwas, was ich oft gefragt werde: Sehen wir als Kinderpsychiater nicht Diagnosen in die Kinder hinein? Dann sage ich immer: Nein, das machen wir nicht. Ich bemühe mich sehr, kein Kind zu therapieren, das unnötiger Weise vor mir sitzt. Doch ich kann Ihnen auch sagen, dass ich heute Dinge sehe, die ich vor dreißig Jahren nicht wahrgenommen habe. Und ich bin froh darum, dass ich das sehe. Das heißt, in der Gesamtschau bin ich nicht der Meinung, dass wir über­treiben. Für mich ist immer noch die Vernachlässigung das Wichtigere. Dafür nehme ich die Spitzen von zu viel Frühforderung gerne in Kauf.

EK: Sie sagen, ein Problem sei, dass die Erwachsenen oft respektlos gegenüber Kindern und Jugendlichen sind. Wie passen Überfürsorge und Respektlosigkeit zusammen?

MSM: Das ist für mich kein Widerspruch. Wenn ich immer wieder über die Grenzen meines Kindes hinweggehe und sage, du musst auf jeden Fall dieses Jahr wieder in das Sommercamp, da dein Englisch noch nicht gut genug ist, dann ist das respektlos, da ich das Kind gar nicht mit einbeziehe. Wenn ich sage, ich weiß, dass du Trennungsangst hast, aber du musst jetzt in den Kindergarten gehen, da ich zu meiner Selbstverwirklichung unbedingt arbeiten gehen muss, dann wäre das etwas Ähnliches. Es gibt natürlich Situationen, in denen die Eltern arbeiten gehen müssen. Das will ich damit nicht in Frage stellen. Aber wenn es die Wahlmöglichkeit gibt, dann stellt sich diese Frage nochmals anders.

EK: Sie erwähnten einmal in einem Interview, dass der Blick für die Individualität des Kindes verloren gegangen sei. Was verstehen Sie darunter?

MSM: Ich glaube, dass der Blick nicht verloren gegangen ist, sondern dass er noch nie richtig da war. Ich glaube, wir müssen das noch weiter üben, den Blick schärfen dafür, was Individualität wirklich bedeutet. Das würde dann auch automatisch nach sich ziehen, dass wir nicht so große Klassen haben. Da kann man nicht mehr individuell unterrichten.

EK: Sie sagen auch, dass die Kindheit komplett durchorganisiert und »optimierungsorientiert« sei. Bleiben dabei die menschlichen Beziehungen auf der Strecke und ist es das, worunter die Kinder eigentlich leiden?

MSM: Ich glaube, am Ende ist es etwas komplexer. Für mich steht dahinter das Prinzip der durchdringenden Ökonomisierung. Wir haben alle einen Glaubenssatz, der da lautet: Stillstand ist Rückschritt. In meinem Bereich hat die Frage nach der Ökonomisierung der Medizin eine Auswirkung, die wir dann natürlich beklagen, wenn die Chirurgen nur noch darauf schauen, wie viele künstliche Hüftgelenke sie einsetzen. Dieses Prinzip wird ungefiltert auf unsere Kinder übertragen und sie wachsen von Geburt an im Hamsterrad auf. Das zieht bestimmte Symptome oder Auffälligkeiten nach sich. Das kann man nicht verhindern. Wir beklagen dann die Atemlosigkeit, für die wir aber selbst verantwortlich sind.

EK: Haben sich auch die Kinder verändert?

MSM: Ja. Kinder heute sind vernünftiger, sie sind es gewohnt, gefragt zu werden, sie sind reflektiert, diszipliniert, eigentlich phantastisch.

EK: Sie verknüpfen ein Umdenken in der Pädagogik mit einer neuen Wertorientierung. Worin liegt der Zusammenhang?

MSM: Wir brauchen unbedingt eine Wertediskussion. Wir diskutieren überhaupt nicht mehr die Frage, welche Werte uns wichtig sind, welche wir weitergeben wollen, welche Werte unsere Kinder leben sollen? Wir haben dafür keinen Diskurs. Die stärksten Werte sind, auch wenn es etwas banal klingt, Liebe, Respekt und die Würde des Menschen.

EK: Begünstigen die Krippenbetreuung und Früheinschulung Erschöpfungszustände bei Kindern?

MSM: Erschöpfungszustände werden oft nicht erkannt, sodass ich das nicht einem Einschulungsszenario zuordnen kann. In der Klinik habe ich nicht den Eindruck, dass die Phase noch andauert, in der Eltern sagen: Ach, ich habe ein so kluges Kind, nur früh genug einschulen. Ich glaube, das hat sich wieder etwas normalisiert. Im Grunde ist es ja auch so, dass Kinder gerne etwas leisten wollen. Kinder lieben Leistung. Sie wollen gerne zeigen, dass sie etwas können. Es muss nur immer in einem entwicklungs- und altersgerechten Maß stattfinden.

EK: Wodurch entsteht dann das Burnout bei Kindern?

MSM: Es entsteht, wenn ein neunjähriges Kind, vierte Klasse, im Übergang zum Gymnasium, mir gegenübersteht und sagt: Wenn ich den Übergang nicht schaffe, ist mein Leben gelaufen. Wenn also der Druck so verinnerlicht ist, dass diese Kinder nicht mehr wissen, wie sie sich bewegen sollen. Oder auch z. B. beim Abitur: Wenn sie mir sagen, dass ein Abitur schlechter als 1,5 nichts wert ist und sie 36 bis 38 Wochenstunden Unterricht haben und dann real 50 bis 60 Stunden arbeiten müssen.

EK: Ab wann sollten Kinder fremdbetreut werden?

MSM: Die sehr frühe Abgabe in den Krippen macht mich nachdenklich und traurig. Besonders dann, wenn sie eigentlich nicht wirklich notwendig ist. Diese Notwendigkeit kann ja auch psychische Gründe haben. Es kann ja Mütter geben, die das ständige Zusammensein mit Kindern nicht aushalten, die das langweilig finden und Abwechslung brauchen, kognitives Futter. Abgesehen davon weiß ich nicht, warum man ein Kind vor dem dritten Lebensjahr weggeben muss. Worin soll der Vorteil liegen? Außer dass das Kind lernt, ich muss mich anstrengen und Anstrengung wird zu meinem Lebensprinzip.

EK: Was halten Sie für das beste Einschulungsalter?

MSM: Ich finde nach wie vor das siebte Lebensjahr, also wenn die Kinder sechs Jahre alt sind, für ein gutes Einschulungsalter. Aber ich wünsche mir in diesen Fragen ein wenig mehr individuelles Handeln. Es gibt Kinder, für die es gut wäre, früher eingeschult zu werden und Kinder, denen es gut täte, später in die Schule zu kommen.

EK: Welche Tipps können Sie Eltern geben, deren Kinder schulpflichtig werden.

MSM: Ich wünsche mir Eltern, die sich trauen, von eigenen Bedürfnissen abzusehen und ihr Kind unabhängig zu sehen und einmal gemeinsam ein Profil von ihrem Kind anzulegen. Zu fragen, was für ein Kind haben wir eigentlich? Was zeichnet dieses Kind aus, was sind seine Schwierigkeiten, was macht es besonders gerne und was glauben wir auf dieser Grundlage, ist das beste Einschulungsalter für unser Kind?

EK: Zu Ihren Stärken gehört der Perspektivenwechsel. Sie wollen den Kindern und Jugendlichen, deren Not sie in der klinischen Praxis täglich erleben, eine Stimme geben: Was wären Ihre drei wichtigsten Forderungen aus dem »Kindermund«?

MSM: Nehmt mich ernst, nehmt auf, was ich brauche, orientiert Euch an meinen Bedürfnissen, werdet mir gerecht und vertraut mir!

Die Fragen stelle Mathias Maurer

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