Die dritte Haut des Menschen. Grundzüge der modernen Baubiologie

Von Frank Hartmann, Juni 2014

Es war ein Landarzt aus Konstanz, der vor rund fünfzig Jahren bei der Anamnese seiner Patienten begann, über den schulmedizinischen Tellerrand hinauszublicken und ihre Wohnungen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. Hubert Palms Befunde waren verblüffend und beängstigend zugleich. Die »Gift-Häuser« standen nicht selten in direktem Zusammenhang mit Erkrankungen.

Baubiologie ist keine Frage des Alters: das renovierte Schulhaus in Murrhärle bei Murrhardt: www.bauplusenergie.de (Foto: Rolf Canters).

Mobile »Ökowohnbox« in Nänikon / Schweiz: www.oekowohnbox.ch (Foto: Tanja Schindler).

Waldorfschule Marecollege Leiden, Niederlande / Architekten: »24H«, Martje Lammers, Boris Zeisser (Foto: Boris Zeisser).

Hubert Palm sammelte Unmengen von Fallbeispielen, referierte zunächst vor überschaubaren Kreisen von Architekten und Interessierten – wurde jedoch von der großen Masse ignoriert oder belächelt, dann bald bekämpft. Doch seine Anhänger drängten auf eine Veröffentlichung seiner Vorträge, Berichte und Erkenntnisse, die dann in mehreren Auflagen unter dem Titel »Das gesunde Haus« die Basis der modernen Baubiologie bilden sollten. Heute zahlt man das »Lehrgeld« für das gesundheitsgefährdende Bauen der Wirtschaftswunderjahre. Viele Gebäude müssen als Sondermüll entsorgt werden.

Palm war alles andere als ein ausgemachter Baufachmann, weder Architekt, noch Handwerker, sondern sah sich mit den Folgen der Industrialisierung des Bauens als Arzt konfrontiert. Zu offensichtlich war der in zahllosen Hausbesuchen festgestellte Zusammenhang sich wiederholender Krankheitsbilder mit den Wohnbedingungen seiner Patienten. Sein Interesse galt nun der Gesunderhaltung des Menschen, also der baubiologischen medizinischen Prävention. Die Einflüsse des Hauses auf den Menschen galten Palm neben der Ernährung als die Grundlage menschlicher Lebensqualität. Mit dem 1955 veröffentlichten Artikel »Biologisch bauen« begründete er sein späteres Hauptwerk, die »Biologische Bauordnungslehre«, in dem er die »lebensqualifizierenden« und »lebensdisqualifizierenden« Wirkungen von Wohnumgebungen auf Menschen unterschied. Das Buch erschien bis in die 1990er Jahre in mehrfachen Auflagen. Im Vorwort zur dritten Auflage von »Das gesunde Haus – unser naher Umweltschutz« schrieb Palm: »Niemand darf ein krankes Haus bauen. Das ist wider Menschenrecht und Gesetz! Das ist wider die natürliche Ordnung des Lebens!«. Das Haus bezeichnete er als »die dritte Haut des Menschen«. Die Bewegung zum Ökologischen Bauen ist ohne seine Vorarbeiten nicht zu denken.

Die Baubiologie entwickelte sich weiter, neue Bereiche kamen hinzu, so zum Beispiel die erneuerbaren Energien, der ressourcenschonende Umgang mit Wasser, die Wertschätzung handwerklicher Traditionen und Künste. Heute wird die Baubiologie nach 25 Grundregeln praktiziert. Auf ihr gründet die Aus- und Weiterbildung von Baubiologen, wie sie vom Institut für Baubiologie und Ökologie (IBN) konzipiert und durchgeführt wird. In ihren Grundzügen sollte sie keinem Schulkind vorenthalten bleiben.

Die Grundregeln der Baubiologie

Wenn auch die Grundregeln der Baubiologie sich auf das Wohnen beziehen, so sind sie doch unbedingt auf Nicht-Wohngebäude wie Büro- und Verwaltungsgebäude, Schulen oder Kindertagesstätten zu übertragen. Denn das entscheidende Maß ist, wie lange sich der Mensch in einem umbauten Raum aufhält. 90 Prozent unserer Lebenszeit verbringen wir in umbautem Raum. Dabei sind wir in unseren Wohnräumen am seltensten anzutreffen. Die 25 Grundregeln der Baubiologie sind nach fünf Hauptgruppen unterteilt.

I. Der Bauplatz: Er muss ohne natürliche und künstliche Störungen sein, das heißt, es dürfen keine Altlasten im Untergrund und an der Oberfläche oder in der unmittelbaren Umgebung vorhanden sein. Das Gebäude muss abseits von Emissionsquellen liegen, das heißt, frei von Feldwirkungen, frequenten Belastungen, Lärm und Luft-Schadstoffen sein. Die Bauweise sollte dezentralisiert und locker sein mit durchgrünten Bereichen im Wechsel mit Verkehrsflächen und freien Zugängen zur Natur. Die Gesamtanlage ist so gestaltet, dass sie barrierefrei zugänglich ist und sozial nicht ausgrenzt.

II. Baustoffe und Schallschutz: Die verwendeten Baustoffe müssen natürlich und mit einem minimalen Primärenergieaufwand hergestellt und transportiert worden sein, das heißt, am besten aus der Region stammen und deren natürliche Eigenschaften nicht verfälschen. Alle Materialien müssen geruchsneutral sein oder einen angenehmen Geruch haben, ohne Reiz- oder Giftstoffe abzugeben, das heißt, sämtliche Ausgasungen im Außen- und Innenbereich sind zu vermeiden. Es sollten nur Baustoffe mit geringer Radioaktivität Verwendung finden; darauf ist besonders bei Natursteinen oder importierten Lehmbaustoffen zu achten. Schall- und Vibrationsschutz bedeutet nicht nur Schutz gegen den äußeren Schall, sondern auch im Inneren des Gebäudes, zum Beispiel gegen Infraschall, Körperschall und Telefonie-Schall. Das ist insbesondere bei der Technik im Haus zu berücksichtigen.

III. Raumklima: Die Raumluftfeuchte soll unter Verwendung feuchteausgleichender Materialien reguliert werden. Natürliche und atmende Baustoffe puffern die Feuchtespitzen in der Raumluft, diffusionsoffene Oberflächen gleichen den Feuchtedruck zwischen Innen- und Außenraum aus. Das ist besonders bei der Neubaufeuchte zu beachten. Es muss ein ausgewogenes Maß von Wärmedämmung und Wärmespeicherung gefunden werden. Grundlage ist das Wärmeempfinden des Menschen und die daraus resultierende Behaglichkeit (»gefühlte« Temperatur). Beim Auskühlen des Gebäudes sollte der Taupunkt nie unterschritten werden, so dass kein Tauwasser in Bauteilen ausfällt. Natürliche Frischluftströmungen sorgen für eine gute Luftqualität und beugen Feuchtigkeit vor. Sie vitalisieren die Raumluft und reinigen sie bei Belastungen durch Pollen, Fein- und Schwarzstaub sowie Staubverschwelungen durch hohe Oberflächentemperaturen auf Heizflächen. Bei der Wohnraumtemperierung ist die Sonneneinstrahlung und ihre thermostatische Kopplung an Niedrigtemperatursysteme zu berücksichtigen. Schließlich sind »unerwünschte Nebeneffekte« durch Magnetfeldverzerrung, Reflexionen, Verstärkungen, Funkwellen, elektrostatische Wirkungen bei der Elektroinstallation, der Gebäudeautomation und der künstlichen Beleuchtung zu vermeiden.

IV. Umwelt, Energie & Wasser: Der Energieverbrauch sollte durch Nutzung regenerativer Energiequellen wie Solarthermie, Biomasse, Umweltwärme, Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft gering gehalten werden; dazu gehört die Erschließung von unnatürlichen Wärmequellen wie Prozesswärme, Abwasser, Wärmerückgewinnung und energetische Hybridsysteme. Es sollten Systeme eingesetzt werden, welche die Ressourcen schonen und den minimalsten Primärenergieaufwand erfordern. Eine gute Trinkwasserqualität und Warmwasserhygiene ist meist schon durch eine naturnahe Wasserbewirtschaftung, Grauwasserrecycling oder Regenwassernutzung möglich.

V. Raumgestaltung: Hier orientiert man sich an den harmonischen geometrischen Maßen, Proportionen und Formen, wie sie die Natur in Hülle und Fülle bietet. Die Licht-, Beleuchtungs- und Farbgestaltung erfordert ein sinnvolles »Tageslicht-Management«.

Baubiologie in Schule, Hort und Kindergarten

Schulen, Kindergärten und -tagestätten stellen besondere baubiologische Anforderungen, da es sich meist um Räume handelt, in denen sich Menschen über einen längeren Zeitraum aufhalten und die deren Entwicklung wesentlich beeinflussen. Neben den Klassenzimmern, Gruppenräumen und Freiflächen ist hier ein besonderes Augenmerk auf die Schlafräume zu richten. Die spezifischen Unterrichtsräume für die Naturwissenschaften oder das Werken und die Gruppenräume für Musik, Eurythmie, Werken oder Handarbeit sowie die Versammlungsräume wie der Festsaal oder die Mensa müssen flexibel genutzt werden können. Nicht zu vergessen sind die Verwaltungsräume für die Geschäftsführung und das Sekretariat, die besonders unter ergonomischen Gesichtspunkten gestaltet werden müssen.

Gerade die Waldorfpädagogik könnte die Baubiologie in ihren unterschiedlichen Aspekten in den Unterricht einbringen. Nicht nur in den klassischen naturwissenschaftlichen Fächern wie Biologie, Physik, Chemie und Mathematik, sondern auch im Gartenbau, in der Astronomie, Geologie, im Werken und Gestalten und in der Farbenlehre böten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte. Allgemeinbildende Lerninhalte könnten zum Beispiel sein: Biologische Baustofflehre und Bauphysik im Physik- und Mathematikunterricht, die Wärmelehre am Beispiel der Solarthermie, Nutzung von Umweltwärme, Enthalpie (Wärmeinhalt), der Carnot-Prozess (thermodynamischer Kreisprozess) an Wärmepumpen und Kältemaschinen; die Herstellung von Farben und eine natürliche Farbgestaltung mit Erden, Mineralien und Pflanzen. Begonnen werden könnte bereits in der 3. Klasse in der Bau-Epoche, um Grundlagen der Baukonstruktion (Fachwerk-Statik), Wissen über natürliche Baustoffe und Baumaterialien zu vermitteln.

Zum Autor: Frank Hartmann ist Haustechniker und Baubiologe. 2002 begründete er das Forum Wohnenergie für energieeffizientes Bauen und Modernisieren mit den Schwerpunkten erneuerbare Energien und natürliche Baustoffe. Er ist beratend und in der baubiologischen Forschung tätig. Er ist Lehrbeauftragter für Baubiologie und Herausgeber mehrerer Publikationen (E-Mail: hartmann(at)forum-wohnenergie.de)

Links: www.baubiologie.de | www.baubiologie.net | www.verband-baubiologie.de | www.baubiologie-ibr.de | www.baubio.ch

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