Schule für alle

Von Götz Kaschubowski, Dezember 2010

Das vorliegende Buch befasst sich mit einer bildungspolitisch brennenden Frage: Wie wollen wir zukünftig Schule machen für Kinder und mit Kindern, die ihr Leben auf eigene Weise gestalten, die wir als anders, manchmal als schwierig, manchmal auch als behindert erleben?

Eigentlich ist diese Frage uralt. Sie berührt unser Selbstverständnis als Gesellschaft, indem sie Dazugehörigkeiten und Ausgrenzungen kritisch hinterfragt: Darf nur der bei uns sein, der unseren Vorstellungen entspricht? Sie berührt auch das Selbstverständnis von uns Lehrern: Ist Unterricht nur dann guter Unterricht, wenn er störungsfrei verläuft, wenn möglich alle dasselbe in derselben Zeit lernen?

Als freie Schulen fragen wir uns, ob wir wirklich alles mitmachen müssen, was der Staat uns »vorschreibt«? Dürfen Waldorfschulen zukünftig ihre Schüler nicht mehr aussuchen? Werden die heilpädagogischen Schulen mangels Kinder die Pforten schliessen?

Es gibt in Deutschland  und Österreich einige integrativ arbeitende Waldorfschulen; weitere sind in Gründung. Alle zeichnen sich durch ein eigenständiges Konzept aus, das in der Regel ein dynamisches ist. Kollegen aus Graz, Emmendingen, Berlin Kreuzberg, Velbert, Stuttgart und Überlingen berichten im vorliegenden Buch über ihre Erfahrungen, stellen ihre Konzepte vor. Dabei wird deutlich, dass das Spektrum der pädagogischen Möglichkeiten sehr breit ist. Vielfalt spiegelt sich in den Beiträgen, nicht das Ringen um das beste Konzept. Allein dieses herausgeberische Vorgehen macht das Buch lesenswert.

Daneben findet man eine echte Perle, einen Grundsatzbeitrag eines der Nestoren der deutschen Integrationsbewegung. Prof. Dr. Jakob Muth hielt 1992 vor der Begründung der Emmendinger Waldorfschule einen öffentlichen Vortrag, in dem er auf Rudolf Steiners pädagogische Pioniertat hinwies. Mit Bezug auf die Gründung der Waldorfschule, in der Koedukation gelebt wurde, sagte er: »Der Begriff Einheitsschule meinte, dass in dieser Schule soziale Koedukation herrschen sollte, denn die Schule war für die Kinder der Arbeiter und Angestellten der Waldorf-Astoria Zigarettenfabriken. ... Vielleicht kommt besonders dieses Prinzip der sozialen Koedukation den behinderten Kindern und Jugendlichen entgegen, denn sie ist ein integratives Prinzip. Ein Prinzip das keine Selektion, keine Auswahl, keine Auslese zuläßt.«

In einem abschließenden Beitrag versucht der Herausgeber »Entwicklungsnotwendigkeiten« hin zu einer Schule für alle zu beschreiben. Er fordert zukünftig »Soloauftritte« von Lehrern zugunsten einer Arbeit im team aufzugeben. Erst das gemeinsame Ringen um die Kinder und Jugendlichen, die Absprache von Zuständigkeiten, die Verbindlichkeit im sozialen Miteinander  (als  Spiegel des pädagogischen Konzeptes), führt zu einer Atmosphäre wirklicher individueller Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Dass zukünftige Lehrerbildung hier anzusetzen hat, um zu Veränderungen im Bild des Lehrers zu führen, aber den jungen Kollegen und Kolleginnen auch ein differenziertes methodisches Instrumentarium zu vermitteln hat, dieser Gedanke beschließt das Buch.

Thomas Maschke, … auf dem Weg zu einer Schule für alle. Integrative Praxis an Waldorfschulen. Verlag Freies Geistesleben 2010, 254 S., Euro 19,90

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