Schule im digitalen Zeitalter

Von Thomas Pedroli, Juni 2013

Über der Tür, durch die die Schüler jeden Tag hineingehen, steht mit großen Buchstaben geschrieben: DU MUSST, DU MUSST, DU MUSST. In der Schule müssen wir. Wir müssen zur Schule gehen, wir müssen lernen, wir müssen aufpassen, wir müssen still sein, wir müssen weiter kommen, wir müssen unsere Hausaufgaben machen, wir müssen gut zuhören.

Schulen brauchen Lehrer, die das Wörtchen »müssen« aus ihrem Wortschatz gestrichen haben. Foto: © Chralotte Fischer

Lernen können wir nur freiwillig. Erkenntnis entsteht aus Staunen. Staunen können wir nicht »müssen«. Optimal für das Lernen ist eine Umgebung, in der ich mich geborgen fühle. Geborgenheit kann ich nicht »müssen«. Viele Forschungen der Neurophysiologie und Psychologie der letzten zehn Jahre weisen darauf hin. Und dennoch ist unser Schulsystem an vielen Stellen durchdrungen von unreflektiertem »Müssen«. Manche Grundsätze sind aus alten Zeiten übernommen und wirken bis heute weiter, obwohl sie nicht mehr zeitgemäß sind. 

Die Angst aus dem Kloster

Die erste Wurzel dieses Systems ist die Klosterschule des römisch-katholischen Christentums des späteren Mittelalters. Das Dogma der Erbsünde prägte die Kultur des gesamten mitteleuropäischen Raumes: Der Mensch ist von Natur aus schlecht und kann nur durch Bemühung und Gottes Gnade in den Himmel kommen.

Das hat eine tiefe Angst in die westliche Kultur gepflanzt: »Ich bin nicht gut genug!« Und das »Programm«, das damit installiert wurde, ließ die Menschen nach dem Prinzip leben: »Du sollst dir große Mühe geben. Vielleicht genügt es irgendwann!« Ab der Reformation war dieses Prinzip in nahezu allen Bildungsschichten verankert und wirkt bis heute. In der Schule wird viel an diese Angst appelliert. Fortwährend wird beurteilt, was gut und was schlecht ist. Es gibt eine Einteilung in »Klassen«, eine Gymnasialbildung ist »höher« als eine Hauptschulbildung, es gibt gute und schlechte Noten, gutes und schlechtes Benehmen, »gute« und »schlechte« Schüler. Wenn alles glatt geht, dann wird etwas Gutes aus mir, ich bekomme ein paar Buchstaben vor meinen Namen: Dr., Prof. oder Ing. Und ich bekomme ein »höheres« Gehalt. Und wenn es nicht so gut läuft, bekomme ich etwas früher schon ein paar andere Buchstaben: ADS, ADHS, ASPERGER, LRS. Ich bekomme einen sonderpädagogischen Förderbedarf, einen Förderplan und später ein »niedriges« Gehalt. Aber die Angst, nicht gut genug zu sein, lebt in den meisten Menschen weiter, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Position. Und treibt sie unaufhörlich, nach »Höherem« und »mehr« zu streben und ihre Zufriedenheit auf später zu verschieben. MÜSSEN wir denn wirklich warten bis später, um zufrieden zu sein? In der Schule und in vielen Lebensbereichen werden wir ständig auf später vertröstet. Und wenn es dann später ist, ist es nicht unbedingt gut. Wenn du einmal dein Abitur hast … Wenn du einmal einen guten Job hast. Wenn du einmal deine Rente hast …

Der Gehorsam aus der Kaserne

Die zweite Wurzel ist das Militär. Es ist keine angenehme Vorstellung, aber der hierarchische Aufbau der Schule ist direkt dem Militär des neunzehnten Jahrhunderts entliehen. Eine große Gruppe von Schülern wird von einem Lehrer angeführt. Die Lehrer in einer Schule werden von der Schulleitung geleitet. Die Schulleitung bekommt ihre Vorgaben vom Ministerium. Die Hierarchie wird durch eine Kultur des Gehorchens aufrechterhalten. Oberste Pflicht ist Gehorsam. Sonst hätten die Soldaten nicht getötet oder sich Todesgefahren ausgesetzt. Welcher gesunde Mensch tötet freiwillig? Was wäre die Schule ohne Gehorsam?

Gehorsam wird durch Strafe erzwungen. Wenn jemand sich nicht an die Regeln hält, wird er bestraft. Und wenn alle Strafen nicht helfen, wird er ausgeschlossen, von der Schule geschickt. Und obwohl schon längst bekannt ist, dass Strafen eine negative Wirkung auf das Lernen haben, wird weiter gestraft. Natürlich viel subtiler als im letzten Jahrhundert, wo noch geschlagen wurde. Die körperliche Züchtigung in Schulen wurde in der Bundesrepublik erst 1973 abgeschafft und das Recht auf gewaltfreie Erziehung in der Familie erst im Jahr 2000 gesetzlich verankert. Das heißt, dass viele Lehrer selber noch mit Körperzüchtigung »erzogen« worden sind. Es gibt nur wenige Schulen, wo Strafen, Strafarbeiten, »Sozialdienste« und disziplinarische Konsequenzen nicht zum Alltag gehören. Wird die Benotung nicht auch als Strafe und Belohnung eingesetzt? Gehorsam ist ein Grundpfeiler der Schule. Der Pfeiler trägt die Inschrift:« Ich bin machtlos!« Und das »Programm«, das wirksam ist, lautet: »Du sollst tun, was die Autorität dir sagt (Lehrer, Arzt, Minister). Du kannst nicht über dich selber bestimmen.«

MÜSSEN wir gehorsam sein, damit wir uns menschlich entwickeln können?

Die Anpassung aus der Fabrik

Die dritte Wurzel geht auf die Industrialisierung zurück. Als die ersten Fabriken entstanden, gab es einen großen Bedarf an Arbeitern, die sich an unnatürliche Lebensumstände anpassen konnten. Wer sich anpasste, bekam Arbeit und überlebte. Wer sich nicht anpasste, dem drohte die Armut. Arbeiter konnten beliebig ausgetauscht werden. Das verursachte eine große Angst: »Ich bin ersetzbar. Auf mich kommt es nicht an! Ich fühle mich einsam!« Das »Programm« arbeitete nach dem Prinzip: »Du bist genauso wie die anderen Menschen. Es ist am besten, wenn du genau so tust, fühlst, denkst und lebst wie alle Anderen. Passe dich den Normen an!«

Unser gesamtes Schulsystem ist auf Normen geeicht. Diese Normen stehen in Relation zu wirtschaftlichen Erfordernissen. Zunächst galten die Normen kommunal, dann wurden sie bundesweit festgelegt und heute werden die Schulen nach europäischen Normen geformt. Wenn ein Schüler (oder eine Schule) aus der Norm fällt, wird er (oder sie) mit anderen verglichen und es wird mit großer Sorge betrachtet, wie groß die Überlebenschancen sind. Dass jedes Kind einmalig ist, steht zwar in den pädagogischen Lehrbüchern – in der Praxis ist es eher lästig, wenn ein Kind nicht normgemäß lernt oder sich nicht »normal« benimmt. Viele Pädagogen berichten, dass schon mehr als die Hälfte der Kinder sich nicht mehr »normal« verhält. Träfe dies zu, dann bestimmte eine Minderheit den Begriff der Normalität. Bislang war immer die Mehrheit der Maßstab für das, was als normal galt.

MÜSSEN wir uns anpassen, um überleben zu können?

Das neue Paradigma

Das Zeitalter der Industrialisierung ist zu Ende und mit ihm auch das dazugehörige Paradigma. Viele Grundsätze, die vor kurzem noch als unumstößlich galten, werden heute angezweifelt. Die Annahme zum Beispiel, dass ökonomisches Wachstum zu Wohlstand führt, hat sich als irreführend erwiesen. Die Umweltfolgen, die ungleichmäßige Verteilung des Reichtums auf der Erde, die Finanzkrise und die globale Erwärmung zeigen das. Die Annahme, dass wesentliche gesellschaftliche Veränderungen immer von »oben« kommen, wurde durch den arabischen Frühling entkräftet. In Ägypten war es die unorganisierte junge Generation, die das Regime stürzte. Wie war das möglich? Die jungen Menschen waren miteinander in Kontakt! Sie nutzten die digitalen Medien, Handys und das Internet. Mit Recht wird von einem neuen, digitalen Zeitalter gesprochen. Die junge Generation, etwa seit 1985, geht darin auf. Die Fähigkeiten zur Vernetzung, zum Multitasking und zur globalen Kommunikation sind Ausdruck einer neuen Dimension.

Das Internet bildet eine nicht hierarchische, aus vielen Einzelteilen zusammengestellte, »chaotische«, das heißt nicht planbare Struktur, die es ermöglicht, gleichzeitig und über große räum­liche Entfernungen hinweg Daten auszutauschen und in Verbindung zu sein. Die ältere Generation, die jetzt (gerade noch) am Ball ist, lebt zum Teil noch im alten Paradigma und hat Mühe die jüngere Generation zu verstehen. Im alten Paradigma gaben die Menschen ihre Macht an die Kirche, den Staat und den Kommerz ab. Das neue Paradigma lautet: Jeder Mensch schafft seine eigene Realität! Heute brauchen wir nicht zu warten, bis der Staat unsere Schulen erneuert. Immer stärker laufen die staatlichen Reformversuche den Tatsachen hinterher. Wir erneuern sie selbst. Und wir erneuern auch uns. Wie erneuern unser Berufsbild und unsere Ausbildung.

Immer mehr Kinder reagieren allergisch darauf, wenn sie aus dem alten Paradigma heraus angesprochen werden. Das ist auch gut so, denn dann merken wir wenigstens, dass etwas nicht stimmt! Vielleicht ahnten wir das auch selber schon. Aber in dem Moment, wo wir als Lehrer oder Eltern durch das außergewöhnliche Benehmen eines Kindes oder einer Klasse selber in die Enge getrieben werden, hören wir uns plötzlich Sätze sagen oder sehen wir uns Dinge tun, wovon wir geschworen hatten, sie nie sagen oder tun zu wollen, Sätze wie: »Wenn du so weiter machst, wird es nichts mit dir!« – »Mit einer Fünf im Zeugnis bist du nicht viel wert!« – »Wenn ich dich jetzt nicht strafe, wird es nur noch schlimmer – ich meine es nur gut mit dir!« – »Du weißt noch nicht, was gut für dich ist! Tue einfach, was ich sage!« – »So bekommst du später keinen Beruf, was denkst du denn?« – »Bei einem Arbeitgeber kannst du auch nicht alles tun, was du willst!« – »Ohne Abschluss kannst du es vergessen!« – »Später wirst du mir noch dankbar sein!« – »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!« …

Wenn die eigene Angst hochkommt

Wenn wir so sprechen, deutet alles darauf hin, dass wir selber in Angst geraten sind, dass wir uns ohnmächtig, einsam und traurig fühlen, dass die Angst hoch kommt, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Erst wenn wir in der Lage sind, auf unsere eigenen Gefühle zu horchen und sie nicht wegdrücken und mit »alten Kamellen« reagieren, dann können wir in unsere eigene Geborgenheit wieder zurückfinden und unseren Schülern helfend zur Seite stehen. Das erfordert allerdings ein anderes Berufsbild und anderes Training, als es bislang in der Schule gepflegt wird. Was die Schüler brauchen, sind Lehrer, die üben, mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen – zum Beispiel in Konferenzen. Schüler brauchen Lehrer, die kompetent kommunizieren können – mit sich selber und mit anderen. Schüler brauchen Lehrer, die ihre Intuition schulen, Lehrer, die Meditation in ihren Tagesrhythmus aufgenommen haben, die in der Lage sind, ihr Denken ruhen zu lassen und nicht zu urteilen, kurz: Lehrer, die das Wörtchen »müssen« aus ihrem Wortschatz gestrichen haben. Das neue Paradigma ermöglicht Geborgenheit in der Schule und Geborgenheit ermöglicht Wachstum und Lernen. In der Geborgenheit leben neue Grundhaltungen, welche die alten Ängste wertlos, machtlos und einsam zu sein, durch neue Zuversichten ersetzen. Sie lauten:

»Ich bin wertvoll – weil ich bin« – bevor ich etwas tue, während ich etwas tue und nachdem ich etwas getan habe. Unabhängig vom Resultat.

»Ich gestalte mein eigenes Leben.« Ich bin Schöpfer meiner eigenen Realität.

»Ich bin autonom.« In meiner Autonomie bin ich verbunden mit allen Menschen. So lebe ich Verantwortung.

Die alten Tugenden Strebsamkeit, Gehorsam und Anpassung werden ersetzt durch: Selbstwertgefühl, Kreativität und Autonomie. Über der Tür der Schule steht nicht mehr »Du musst!«, sondern »Hier begegnen wir uns!«

Zum Autor: Thomas Pedroli, geb. 1957 in den Niederlanden. Seit 1981 in der Sozialtherapie, Heilpädagogik, Musik und Waldorfpädagogik in Deutschland und den Niederlanden tätig. Lehrer an der Windrather Talschule in Velbert-Langenberg. Dozent für Intuitive Pädagogik. Eigene Praxis als Coach.

Kommentare

Pia Quaet-Faslem, München, 04.06.13 11:06

Vielen Dank für diesen sehr berührenden Artikel. Dieses "Du sollst Dir Mühe geben" ist uns wirklich in Fleisch und Blut übergegangen - und verhindert doch so oft Freiheit und Kreativität. Für mich war die Ausbildung zur Lehrerin der Alexander-Technik ausschlaggebend, um vom "müssen und sollen" zum "können und wollen" zu gelangen. Und auch Grundlage für meine Entscheidung, dass mein Sohn das Lernen anders lernen darf als ich. "Ich bin wertvoll - weil ich bin": wie wunderbar!

Julia Schäfauer, Stuttgart, 01.07.13 13:07

Ich freue mich sehr, wenn ich solche Artikel über brandaktuelle Themen lesen kann. Vorallem beruhigt es mich, dass nicht nur ich so etwas sehe und erspüre.
Ich möchte jedoch noch einen Punkt anmerken, der mich schon mein Leben lang begleitet und beschäftigt (ich war selber Waldorfschülerin). Diese "Müssen" scheint zweifelsohne durch vergangene Erziehungsstile her zu rühren, jedoch sehe ich auch einen Punkt in der (gelebten) Waldorfpädagogik, die mir Kopfzerbrechen bereitet. Kommt dieses "müssen" nicht auch daher, dass viele Waldorfpädagogen "wissen" was gut für ein Kind ist? Es mag sehr wohl sein, das viele Dinge aus der Waldorfpädagogik die Kinder in ihrer Entwicklung positiv unterstützen und stärken. Aber kann man wirklich behaupten, dass das auf ALLE Kinder zutrifft? Es gibt doch auch Kinder, und ich glaube das werden immer mehr - so auch mein Sohn - die einfach die über jahrzehnte "bewährten" Dinge in der Schule einfach nicht machen möchten. Warum "muß" das denn so sein??? Ich vermisse eine gewisse Flexibilität der Fachkräfte und mehr Freiheiten und größere Wahlmöglichkeit für die Kinder. So auch mehr Geborgenheit und Herzenswärme.
Ich war schon sehr erstaunt, wenn nicht sogar bestürzt, dass mein Sohn schon sehr häufig (sehr unglücklich und wütend) mit folgenden Worten von seiner Schule nach Hause kam: "in dieser Schule muß man immer müssen". Schade, dass soetwas aus dem Mund eines 2. Klässers einer Waldorschule kommen muß.
Ich wünsche mir von Herzen, dass einige (Waldorf-) Lehrer sich Ihr Bild eines Lehrer sehr zu Herzen nehmen und endlich diese alten Kamellen über Bord werfen und anfangen sich selbst und ihre Arbeit zu reflektieren und weiterentwickeln.
Eine schönen und wärmenden Sommer!

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