Kraftort Kreta. Fragen an Michael Handtmann und Ina Meyer

Juni 2020

Michael Handtmann und Ina Meyer, beide Waldorfpädagogen in Rente, sind ab auf die Insel, genauer: nach Kreta, noch genauer: nach Lentas, um gestressten Lehrern das Loslassen und Zupacken beizubringen.

EK | Sitzen Sie gerade in der Sonne und lassen die Beine ins Wasser baumeln?

Ina Meyer | Ich sitze unter den blühenden Orangen und Oliven im Anemonenfeld und überlege, welche der Wildkräuter um mich herum nachher in den Topf kommen: Spargel oder Lauch. Früh morgens war ich schwimmen, ehe es zu heiß wird. Ich sehe unseren Nachbarn und Freund Manolis gerade vom Fischen nach Hause kommen – mal sehen, welche Weisheiten er der Natur heute wieder abgelauscht hat.

EK | Wie kamen Sie auf die Idee, sich im Süden Kretas niederzulassen?

Michael Handtmann | Man nehme ein reiches, langes Waldorfleben, gewürzt mit Initiativen und überwundenen Krisen, vielen, auch beglückenden Konferenzen, wesentlichen Schüler-, Studenten- und Selbst-Begegnungen und treffe dann nach Überwindung einer Erschöpfungspause auf den richtigen Menschen – und Neues kann entstehen. Ideen kommen auf die Erde, indem man ihnen Raum gibt und sich ihnen dann erlebend gegenüberstellt. Oder mitten hinein. Das war dann zunächst an diesem fast x-beliebigen Ferienort fernab der Ferienzentren an der Nordküste, mit gewachsenen dörflichen Strukturen, der sich für uns zum Kraftort entwickelt hat, nicht nur wegen der alten Asklepios-Heilstätte oder der minoischen Siedlungsreste.

EK | Sie machen hier nicht Dauerurlaub, sondern arbeiten auch richtig. Hatten Sie zu wenig in Deutschland zu tun oder wurde Ihnen die Waldorfwelt zu eng?

IM | Ich gebe zu, dass ich eine normale 60-Stundenwoche inklusive Wochenende gegen einen Lebensrhythmus mit Pausen getauscht habe. Es gab sicher enge Taktungen im alten Waldorfleben, aber innerlich war es mir nie eng. Ich hatte immer das Glück, das tun zu dürfen und zu können, was ich wirklich wollte, und fand immer Menschen, mit denen ich Ideen umsetzen konnte.

MH | Nach über 30 Jahren als Lehrer und in Diensten der Schulbewegung war’s dann plötzlich zu viel des Guten und ich war reif für ein Sabbatical, zunächst aus gesundheitlichen Gründen und dann für eine Neubesinnung: Was kannst und willst du der Schulbewegung im Unruhestand (zurück-) geben?

Der zündende Impuls kam dann aus der Analyse des Ausbildungsrats, in dem ich langjährig mitgearbeitet habe: Die Hälfte aller Anfänger an Waldorfschulen verlassen diese wieder innerhalb der ersten drei Jahre – eine bestürzende Bilanz für den enormen Einsatz an Ausbildung, Geld, Zeit, Hoffnung – nicht nur für die Ausbildungsstätten und Schulen, sondern die Betroffenen selbst. Die Hauptgründe: Unsicherheit, was die Grundlagen der Menschenkunde und Methodik angeht, Frustrationen in der Selbstverwaltung und – immer wieder – mangelnde Begleitung in der Einarbeitungsphase. So entsteht nach Praxisschock und bestandener Probezeit die Aussicht auf eine hauchdünne Routine unter zunehmendem Stress, nicht zuletzt angesichts der prekären Work-Life-Balance und mittelfristig die Chance auf einen nach innen wie außen kaum eingestehbaren Burnout – und das nach einer Ausbildung nach bestem Wissen und Gewissen.

IM | Das hat uns zu der Idee eines individuellen Coachings auf Zeit geführt, das jeden da abholt, wo er gerade ist. Wir wollen Wege entwickeln, Übungen erarbeiten, Strategien entwerfen, die für den Alltag taugen. Sowohl die neuen als auch die alten Kollegen entbehren oft einer sprudelnden und durch individuellen Zugang zur Anthroposophie geprägten Kraftquelle. Das Herausfiltern des Unwesentlichen und der Mut, das dann auch wegzulassen, ist unverzichtbares Handwerkszeug für die eigene Gesundheit. So individuell, wie wir mit den anvertrauten Schülern umgehen wollen, so individuell müssen wir auf unsere eigenen Lebenswege schauen. Es soll mehr Selbstverantwortung für die eigene Persönlichkeit entstehen, an der sich Schüler gerne orientieren.

EK | Und was bringen Sie den gestressten Waldorflehrern auf Kreta wieder bei?

MH | Etwas mehr Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen, eine Vermehrung des gesunden Selbstbewusstseins im geschützten Übraum jenseits des Taumels zwischen Bluff und Depression.

IM |Wir sind keine Ärzte oder Therapeuten, wissen als jahrzehntelang erfahrene Lehrer, Kollegen und Ausbilder aber durchaus, was gut und not tut – etwas genauer: Allein der Ort hier sorgt für eine elementare Verwesentlichung schon beim bloßen Schauen in die Welt, der wir nur wenige Anregungen für Wanderungen und gezielte Bewegungsübungen hinzufügen müssen, aber auch Meditationen und künstlerische Übungen. Die Besinnung auf sich selbst kommt dann meist ganz von selbst, auch das Bedürfnis nach einer seelisch-geistigen Standortbestimmung: Wer bin ich wie bis jetzt geworden? Was sehen andere in mir, was ich nicht selber sehe? Was kommt mir aus der Zukunft entgegen und wie empfange ich es? Was will und kann ich für meine Verwandlung tun?

EK | Sind solche Formen der Einkehr wie eine Eremitage auf Zeit nicht antiquiert? Oder erwarten Sie tatsächlich nachhaltige Wirkungen?

IM | Veränderungen können auch durch biographische Krisen, Krankheiten oder Umbrüche erfolgen. Besser, man geht sie aktiv an, bevor man vom Leben gezwungen wird. Das Gefundene drängt von selbst zur Umsetzung, und das Umgesetzte will nach einiger Zeit wieder betrachtet werden.

MH | Es geht zunächst nur um eine Stärkung des Einzelnen, der dann im besten Fall auch ein bisschen homöopathische Auswirkung im Kollegium hat. Aber auch für mehrtägige Klausursitzungen stehen wir zur Verfügung.

EK | Wie lässt diese Auszeit sich insgesamt in den Waldorfschulen verorten und was muss alles unternommen werden, dass es den Waldorflehrern in Deutschland wieder besser geht?

MH | Die vier Wochen maßgeschneiderte Auszeit, die wir hier Lehrern bieten, stellen nach prophylaktischen Gesichtspunkten keinen Luxus dar, sondern eine aussichtsreiche Hilfestellung zur Stabilisierung. In gesundheitlichen Zusammenhängen ist sowas doch längst als Kur anerkannt und als Standardmaßnahme nach dramatischen Zusammenbrüchen diskussionslos gang und gäbe. In der Schule sieht sich jedes Kollegium gezwungen und irgendwie dann auch in der Lage, einen Kollegen nach plötzlicher Krankmeldung an einem Freitag oft mehrwöchig zu vertreten. Warum sollte das nicht mit Augenmaß und rechtzeitiger Planung im Vorhinein machbar sein? Ein umsichtiger Personalkreis, der sich nicht nur um Ein- und Ausstellungen kümmert, sollte vielleicht mehr als nur Fortbildungstagungen im Repertoire haben.

Wirklich hilfreich wäre allerdings nur eine selbstverständliche Einarbeitungs- und Mentorierungskultur an jeder Schule, die Rechte und Pflichten dazu nicht nur im Arbeitsvertrag festschreibt, sondern für zwei Anfängerjahre Ernst damit macht, das heißt, bezahlte Deputatstunden mit Ausweis in der Stundentafel vorsieht und realisiert. Zu aufwändig und teuer? Wer bezahlt eigentlich – in der Einzelschule wie in der Schulbewegung – die Fehlinvestition in Kollegen, die aufgrund mangelnder Betreuung wieder ausscheiden?

EK | Welche Zukunftspläne haben Sie – konkrete und gesponnene?

IM | Das Plänemachen haben wir uns weitgehend abgewöhnt. Wir haben hier in Kreta diese Initiative gestartet und sind erstaunt, welche Dynamik sie mitbringt. Die Sehnsuchtsszenarien, die uns früher am Leben gehalten haben, sind verschwunden. Wenn unsere Erfahrungen und Fähigkeiten in der Waldorfwelt gebraucht werden: Wunderbar! Und wenn wir dann so richtig alt sind, hat das Gelände genügend Platz auch für andere Menschen, die hier vielleicht mit uns wohnen möchten.

Zu den Interviewpartnern: Michael Handtmann (67) war Mitgründer der Rudolf Steiner Schule Lüneburg, Klassen- und Oberstufenlehrer, Dozent und Leiter in der Waldorflehrerausbildung (Kiel, Berlin) sowie in diversen Gremien und Funktionen des Bundes der Freien Waldorfschulen aktiv. Ina Meyer (62) war Handarbeitslehrerin an der Freien Waldorfschule Darmstadt, hat zwei Werkstätten aufgebaut und diverse Leitungsfunktionen innegehabt.

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