Waldorfschulsozialarbeit. Empfehlungen und Einblicke

Von Fridtjof Meyer-Radkau, Februar 2021

Mir wird oft die Frage gestellt, was eine Waldorfschule bedenken sollte, wenn sie Sozialarbeit erfolgreich implementieren möchte. Als Grundlage der Implementierung muss zum einen das Kollegium ein Verständnis davon entwickeln, was Waldorfschulsozialarbeit beinhaltet. Zum anderen ist fachliche Konzeptarbeit unabdingbar. Zunächst sollte die Bestandsaufnahme und Bedarfsermittlung durch einen delegierten Arbeitskreis erfolgen.

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Die Herausforderungen und Themenwie schon im Einführungsartikel beschrieben – sind erfahrungsgemäß an fast allen Waldorfschulen vergleichbar. Und dennoch ist eine standortbezogene Bedarfsermittlung notwendig, da personelle Voraussetzungen, schulische Strukturen sowie Herausforderungen Auswirkungen auf die jeweilige Konzeptentwicklung haben. Erst daraus kann das Stellenprofil und der Stellenumfang der Sozialarbeiter:innen ermittelt werden; diese sollten u.a. Kenntnisse der Kinder- und Jugendhilfe, der Waldorfpädagogik sowie Beratungskompetenzen mitbringen.

Ist die Stelle für Waldorfschulsozialarbeit besetzt, kann mit der bedarfsorientierten Zielentwicklung als Herzstück der Konzeptarbeit begonnen werden. Dabei geht es darum, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen und gleichzeitig irreführende Erwartungen des Kollegiums an die Waldorfschulsozialarbeit zu vermeiden. Die Leit-, Orientierungs- und Handlungsziele werden für die Zielgruppen (Schülerschaft, Familien und Kollegium, Netzwerkpartner) ausgearbeitet, damit die konkreten Angebote und Aufgaben der täglichen Arbeit im nächsten Schritt »Handlungsplanung« konzipiert werden können. Die Konzeptentwicklung umfasst zudem die Themen Arbeitsorganisation (z.B. Räumlichkeiten, Finanzierung, Rahmenbedingung), Qualitätsstandards (z.B. Supervision, Dokumentation der Arbeit, Weiterbildungen) und die Evaluation nach einem Jahr praktischer Arbeit. Abschließend muss das schriftlich ausgearbeitete Konzept dem Schulkollegium ausführlich vorgestellt werden. Erst danach kann die alltägliche Arbeit, das heißt, die zweite Phase der Implementierung beginnen.

Einblicke in mein Konzept Waldorfschulsozialarbeit

Mein Konzept der Waldorfschulsozialarbeit vereinigt Ansätze der Schulsozialarbeit der Waldorfpädagogik und den systemischen Ansatz mit ihren entsprechenden Methoden, die meine Arbeitshaltung und Handlungsprinzipien bestimmen. In dem systemischen Ansatz wird die Haltung vertreten, dass nicht der einzelne Mensch, der Symptome zeigt, krank ist oder Probleme hat. Vielmehr offenbart ein Phänomen – wie z.B. ein verhaltensauffälliges Kind – die dysfunktionalen Interaktionen innerhalb eines Systems, z.B. dem Familien- oder Klassensystem. Der Symptomträger macht also auf die negativen Wechselbeziehungen des Systems aufmerksam. Genauso lässt sich das systemische Denken auf die Herausforderungen von Klassen oder auf die ganze Schule übertragen.

Jede Waldorfschule braucht einen »Kinderschutzbeauftragten« und Kinderschutz ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzeptes. Diese Aufgabe benötigt fachliches Wissen, das im Verdachtsfall einen klaren Fahrplan vorgibt, Gespräche ermöglicht und befähigt, notwendige Schritte in die Wege zu leiten.

Präventionsangebote müssen entwickelt sowie Schutzmaßnahmen koordiniert und durchgeführt werden, wie beispielsweise Workshops und Beratungsangebote zum Umgang mit Sucht- und Rauschmitteln, Gewalt und nicht zuletzt sexueller Bildung. Neben dem sozialarbeiterischen Verständnis für die Aufgabe bedarf es zusätzlich einer Kinderschutzfortbildung. Bei uns an der Schule wird die sexuelle Bildung von »Prisma Berlin« übernommen.

Zusammenarbeit mit den Schüler:innen

Für die Zusammenarbeit mit den Schülern:innen in der Unter-, Mittel und Oberstufe stehen der Vertrauensaufbau und das Sichtbarmachen meiner Arbeit im Vordergrund. Ich bin in den Pausen präsent und begleite Ausflüge oder auch Klassenfahrten. Die Schüler:innen können mich in meinem Bauwagen, der als Beratungsraum auf dem Schulhof steht, niedrigschwellig aufsuchen. Sie kommen entweder einzeln oder in Gruppen, um Konflikte jeglicher Art mit meiner Unterstützung zu lösen. Manche kommen, um ihre Sorgen und Themen, die sie in der Schule oder Familie haben, zu besprechen. Als systemischer Berater gebe ich grundsätzlich keine Ratschläge oder Lösungswege vor. Vielmehr befähige ich die Schüler:innen durch offene wertschätzende Fragen und ressourcenorientiertes Arbeiten selbst Lösungen für ihre Herausforderungen und Konflikte zu finden. Sie wissen um meine Schweigepflicht, meine unabhängige Rolle in der Schule und um den geschützten Rahmen. Bei Krisen, wie z.B. starken Symptomen psychischer Erkrankungen und suizidalen Ankündigungen, bin ich intervenierend und lösungsvorgebend tätig. Hierbei geht es darum, Gefahren abzuwenden und Wege aus der Krise aufzuzeigen.

Außerdem zählen zu meinen Aufgaben wöchentliche einstündige Klassengespräche, die im Stundenplan als Klassenforum vorgesehen sind. Das Klassenforum wird als Fachstunde ab der 5. Klasse angeboten. In diesen soll die Klasse lernen, ihre Themen, Konflikte und Ideen mit Hilfe der Methode »Klassenrat« selbstständig zu diskutieren. Bei Mobbing und damit einhergehender Gewalt setze ich in Absprache mit dem Klassenkollegium den »No blame approach« ein (siehe Beitrag von Muriel Singer).

Zur Konfliktprävention biete ich die Konfliktlotsenausbildung ab Klasse 5 als freiwilliges Angebot an. Hier lernen die Schüler, konstruktiv mit Konflikten umzugehen und ihre Bedürfnisse und Wünsche zu artikulieren. Wenn sie die Ausbildung in Peermediation nach einem halben Jahr abgeschlossen haben, profitiert die gesamte Schülerschaft davon.

Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten und Familien

In der Waldorfpädagogik gilt die Zusammenarbeit mit den Eltern als unabdingbarer Bestandteil der pädagogischen Arbeit. Alle an einer Schule tätigen Menschen bilden mit den Eltern eine Erziehungsgemeinschaft. Auch in meinem Konzept ist die Arbeit mit den Familien ein zentraler Bestandteil. Hier gilt für mich der Grundsatz: Die Eltern sind die Experten ihrer Kinder! Mit dieser systemischen Haltung begegne ich ihnen auf Augenhöhe ohne Expertenwissen und Ratschläge in Erziehungsfragen. Vielmehr versuche ich den Familien, mit systemischen Fragen und einer nichtwissenden, neugierigen, überparteilichen und wertschätzenden Haltung zu begegnen, um ihnen neue Perspektiven und Ideen für ihr Familiensystem zu ermöglichen. Mein Angebot der systemischen Erziehungs- und Familienberatung wird von den Familien oft genutzt. Auch hierbei spielt die Schweigepflicht eine wichtige Rolle, denn die Inhalte der Gespräche dürfen nur mit Schweigepflichtsentbindungen an das Kollegium (zum Beispiel Mitglieder des Förderteams) weitergegeben werden. Somit haben die Familien ein unabhängiges und niedrigschwelliges Angebot, um sich bei herausfordernden familiären Umständen beraten zu lassen. Bei komplexeren Familienthemen ist es in Absprache mit der Familie meine Aufgabe, an externe Hilfen wie zum Beispiel Familientherapie oder Familienberatung, Kinder- und Jugendpsychotherapie, Schulpsychologischen Dienst, Familienhilfe, Einzelfallhilfe, Ergotherapie und Familienmediation weiterzuvermitteln. Hierfür ist der Aufbau und die Pflege eines externen Hilfenetzwerks erforderlich. Aus diesem Grund ist die externe Netzwerk- und Gremienarbeit eine zusätzliche Tätigkeit meiner täglichen Arbeit (siehe Beitrag von Dorothee Baumgartner). Bei etwaigen Konflikten zwischen Pädagogen und Erziehungsberechtigten kann die Waldorfschulsozialarbeit auch als Mediationsangebot wahrgenommen werden.

Zusammenarbeit mit Pädagogen

In der Zusammenarbeit mit den Pädagog:innen an der Schule gilt für mich folgende Devise: »Entlastung durch Unterstützung«. Die anfängliche Befürchtung der Kolleg:innen, ich könnte ihnen, den Pädagog:innen, die Beziehung zu den Schüler:innen »wegnehmen«, hat sich nicht bewahrheitet. In der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Klassen- und Fachlehrer:innen sowie dem Hortkollegium geht es darum, gemeinsam eine weitere Perspektive auf einzelne Schüler:innen sowie den Klassenorganismus zu gewinnen. Eingang in meine Arbeit finden die waldorfpädagogischen, menschenkundlich begründeten Entwicklungsgesetze der Heranwachsenden (Jahrsiebte, Rubikon, Pubertät). Dazu zählen auch waldorfpädagogische Methoden, wie die Kinderbetrachtung oder der Blick auf den Klassenorganismus. Ich unterstütze die Klassenteams bei der Entwicklung der Klassengemeinschaft, beispielsweise durch erlebnispädagogische Elemente oder auch gemeinsame Klasseninterventionen. Außerdem begleite ich auf Anfrage die Lehrkräfte bei Elterngesprächen. Ich nehme an den pädagogischen Gesamt- und Klassenkonferenzen teil und bin Mitglied im Förderkreis. Bei herausforderndem Verhalten oder Konflikten mit Schülern und Familien biete ich eine sozialpädagogische kollegiale Beratung an, in der Lösungsstrategien unter Anregung der Selbstreflexion erarbeitet werden.

Somit verstehe ich Waldorfschulsozialarbeit als ein Angebot, auf einer freiwilligen, partnerschaftlich-kollegialen Ebene zusammenzuarbeiten, damit Schüler:innen in ihrem Lebensmut und ihrer Selbstwirksamkeit bestärkt und in ihrer individuellen Entwicklung gefördert werden.

Zum Autor: Fridtjof Meyer-Radkau ist Mitbegründer der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin, dort seit 2016 als Waldorfschulsozialarbeiter tätig.

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