Schutzpatronin der Kinder

Von Nana Göbel, Dezember 2019

Klara Hattermann und die Anfänge der Waldorfkindergartenbewegung.

Der Kindergarten Stuttgart 1926

Nur wenigen Menschen erlaubte Elisabeth von Grunelius, die 1926 den allerersten Waldorfkindergarten auf der Uhlandshöhe in Stuttgart eingerichtet hatte, in ihrem Kindergarten zu hospitieren. Zu diesen zählte Klara Hattermann. Sie baute nach dem Zweiten Weltkrieg die Waldorfkindergartenbewegung von Hannover aus neu auf und bildete über Jahrzehnte das Zentrum dieser Bewegung.

Klara Hattermann (1909–2003) stand einfach jeden Morgen vor der Tür des Waldorfkindergartens auf der Stuttgarter Uhlandshöhe und wiederholte diese Übung solange, bis sie ihre Sondererlaubnis zur Hospitation erhielt. Sie war mit einem so festen Willen begabt, dass sich Elisabeth von Grunelius ihrem Drängen nicht verweigern konnte. Als 1927 eine kleine Waldorf-Spielgruppe in Nürnberg anfing, zog Klara Hattermann nach Franken und begann, in dieser ersten Kindergarteninitiative zu arbeiten. 

Die städtischen Behörden waren der Initiative gegenüber positiv gestimmt und stellten für später sogar Schulräume in Aussicht. Ein Verein für eine freie Schule Nürnberg wurde gegründet, es waren genügend eigene Lehrkräfte vorhanden und 35 Kinder angemeldet. Eduard Riegel und Anton Treiber, zwei staatlich ausgebildete Lehrer, waren als Gründungs­lehrer vorgesehen. Die Eröffnung sollte Ostern 1928 statt­finden. Es kam aber keine Genehmigung. Die Nürnberger Schulverwaltung und die Bayerische Staatskanzlei in München warfen sich den Ball gegenseitig zu, konnten sich nicht einigen, aufgrund welches Paragraphen eine Gründung zu genehmigen sei und schließlich lehnte das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus am 29. Dezember 1928 mit der Begründung ab, die Prüfung der Lehrpläne und der sonstigen Unterlagen habe ergeben, dass gegen die Errichtung einer solchen Schule erhebliche Bedenken unterrichtlicher, wissenschaftlicher und erzieherischer Art bestünden. Also gab es für Klara Hattermann in Nürnberg nichts mehr zu tun und sie zog weiter.

1931 gründete sie unabhängig von der Waldorfschule einen kleinen Kindergarten in Hannover, den sie bis 1941 in einer von ihr angemieteten Zweizimmerwohnung betreiben konnte. Als dies nicht mehr möglich war, zog sie nach Dresden und führte dort noch eine kleine Weile einen versteckten kleinen Kindergarten. Als auch das nicht mehr möglich war, entschloss sie sich, zu ihrer Schwester nach West­preußen zu ziehen.

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges floh Klara Hatter­mann gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Helene von Radecki und deren Kindern aus Westpreußen und kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hannover zurück. Die beiden Schwestern und ihre Familie richteten eine ihnen überlassene Holzbaracke auf dem Schulgelände wieder auf, in der sie wohnten. Unter diesen sehr einfachen äußeren Bedingungen begann Klara Hattermann 1946 mit der Kindergartenarbeit in ihrem kleinen Haus. Sieben Jahre lang räumte sie jeden Morgen ihre persönlichen Dinge aus dem Raum hinaus und abends wieder hinein. Das Dach dieses kleinen Hauses war aus Teerpappe und immer, wenn es regnete, wurden im Spielraum Regenschirme verteilt, um sich vor dem hereintropfenden Wasser zu schützen. Gras wuchs durch den Boden und im Winter bildeten sich Schneekristalle an den Wänden. Gespielt wurde auf den Ruinen – mit vollem Risiko. Anders als vor dem Krieg wurde der Kindergarten diesmal in die Schule integriert und während der folgenden sieben Jahre in der einfachen Behausung betrieben. Dann entwickelte der Werklehrer einen Plan für einen eigenen Kindergartenbau und stellte die Möbel für den neuen Kindergarten her. Weihnachten 1953 erfolgte die Einweihung des Neubaus.

Seit Anfang der 1950er Jahre arbeitete ein Kreis von Kindergärtnerinnen um Klara Hattermann daran, aus der Menschenkunde Rudolf Steiners eine zeitgemäße Methodik und Didaktik und eine Erziehungskunst für das Kindergartenalter zu entwickeln. Nach den Vorarbeiten von Elisabeth von Grunelius war dies die zweite Säule, auf der die Waldorfkindergartenbewegung aufgebaut wurde. Klara Hattermann lud über den Jahreswechsel 1950/51 17 Kindergärtnerinnen zu einer ersten Zusammenkunft nach Hannover ein. Von da an wurden im Kindergartenbau in Hannover regelmäßig Waldorf-Kindergartentagungen unter ihrer Leitung durch­geführt; eine Tradition, die – seit 1968 als Pfingsttagung – bis heute anhält. 1952/53 begann sie außerdem eine Kindergartenausbildung in Hannover, das Hannoveraner Kindergartenseminar. Im 50. Jahr des Bestehens der Waldorf­pädagogik, 1969, gründeten die seit 1951 jedes Jahr zu Pfingsten zusammenarbeitenden Kindergärtnerinnen aus 24 beteiligten Kindergärten die Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten und ernannten die Grand Dame der Bewegung, Elisabeth von Grunelius, zur Ehrenvorsitzenden. Die Gründung der Waldorf-Kindergartenvereinigung erfolgte auf Initiative des Bundes der Freien Waldorfschulen, so berichtete es Ernst Weißert zwei Jahre später im Haager Kreis. Angesichts der weltweit aufgeworfenen Fragen, wie Kindheit gestaltet und für die Entwicklung des Lebenslaufes zum Kräftequell gemacht werden kann, wurde dieser Zusammenschluss international erweitert. 

33 Jahre lang blieb die Pfingsttagung der Waldorfkindergärtnerinnen in Hannover ihre einzige regelmäßige internationale Zusammenkunft und sozusagen ihr Kernereignis in jedem Jahr. 1979 bemerkte Klara Hattermann im Gespräch mit Helmut von Kügelgen, dass angesichts des zurückgehenden selbstverständlichen Umgangs mit ganz kleinen Kindern und der zunehmenden Unsicherheit der Mütter die Waldorfkindergartenbewegung sich unbedingt um das ganz kleine Kind zwischen 0 und 3 Jahren kümmern und außerdem Elternkurse einrichten müsse. Beiden stand vor Augen, dass dies eine Hilfe sein könnte, um die Kindheitskräfte zu erhalten, zu retten oder sogar zu stärken.

Zu Ostern 1984 fand dann zum ersten Mal eine Waldorfkindergartentagung am Goetheanum in Dornach statt. 

Elisabeth von Grunelius nahm 89-jährig als Ehrengast teil. Die Kindergartenvereinigung widmet sich seither der Ausbildung von Kindergärtnerinnen und wachte über die Gründung neuer Kindergärten.

Literatur: Nana Göbel: Die Waldorfschule und ihre Menschen. Weltweit. Geschichte und Geschichten. 1919 bis 2019 (3 Bände), Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2019.

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