Selbstständiges Lernen im Fach Geschichte

Von Sibylla Hesse, April 2013

Ein exemplarisch vorgehender Geschichtsunterricht weckt Interesse, schafft ein Verständnis für Zusammenhänge und wirkt nachhaltig. Beispiele aus der Praxis.

Ein Schüler trägt vor, was er über deportierte Juden in Archivalien finden konnte. Foto: © Tammo Walter

Mal ehrlich: Was ist noch übrig aus Ihrem Geschichtsunterricht damals in der Schule? Lehnen Sie sich bitte kurz zurück, schließen Sie die Augen, visualisieren Sie die Situation … Woran erinnern Sie sich?

Vermutlich taucht kein geschlossenes Tableau der letzten 5.000 oder sieben Millionen Jahre vor ihrem geistigen Auge auf. Obwohl sich Ihre Geschichtslehrer viel Mühe gegeben haben dürften.

Warum wissen Sie das, woran Sie sich erinnern? Warum haben genau diese geschätzten zehn Prozent des Stoffes (ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen) überdauert? Ich unterstelle: Weil ein Erlebnis damit verbunden war, sei es eine lebendige Schilderung Ihres Geschichtslehrers oder Ihrer Geschichtslehrerin, sei es eine Auseinandersetzung innerhalb der Klasse über eine Sichtweise, sei es die Anstrengung, die Sie aufbringen mussten, um diesen Sachverhalt zu verstehen.

Ein Großteil der in der Schule gelernten Inhalte (übrigens nicht nur in Geschichte) wird vergessen. Deshalb nehme ich, je länger ich unterrichte, desto mehr Abstand davon, im Laufe der Oberstufe Schülerinnen und Schülern einen »kompletten Überblick« geben zu wollen, stattdessen vermittle ich lieber eine nützliche grobe Übersicht; ansonsten arbeite ich exemplarisch.

Erinnern und vergessen

Woran Sie sich möglicherweise ebenfalls nicht im Detail erinnern, sind die ethischen Komponenten der historischen Betrachtung. Aus diesen Urteilen bauten Sie sich in Ihrer Sozialisation ein Fundament an Werten, das im Laufe Ihres Lebens weiterwuchs. Für die Gesellschaft dagegen gilt: Geschichte ist wichtig, um nicht immer wieder die gleichen Fehler zu machen. »Aus der Geschichte lernen« kann nur, wer Zusammenhänge durchdrungen und behalten hat. Dazu bedarf es genauer Sinneseindrücke, also authentischer Erfahrungen, und denkenden Verstehens. Beides bietet zum Beispiel das Zeitzeugengespräch oder der Besuch eines historisch bedeutenden Ortes.

Eine weitere arbeits-, aber zugleich sehr ertragreiche Chance für selbstständiges Lernen ist das Geschichtsprojekt. Es kann zu einer Lesung von Briefen führen, die das Zeitkolorit auf­leben lässt, oder zu einem Film, einer Website, einer Ausstellung.

Oral History

»Grabe, wo du stehst.« Dieser Spruch der »Barfußhistoriker« lädt ein, die Vergangenheit direkt vor Ort zu erschließen. Über »oral history«, also die Befragung von Zeitgenossen, bekommt man schnell ein vielseitiges Bild der jüngsten Geschichte meist aus dem Blickwinkel »von unten«.

Die Vorteile liegen in der Möglichkeit des Dialogs, die Schüler und Schülerinnen können Menschen aus ihrem Umkreis erzählen lassen. Methodisch muss bedacht werden: Wir stellen so die Quelle selbst her, was zu Einseitigkeiten führen kann. Außerdem müssen Begegnungen mit Menschen, die man eher der »Täterseite« zurechnen würde, gut begleitet und eingeordnet werden; dann zeigen sie die Vielfalt des Lebens und die vielen möglichen Sichtweisen (Multiperspektivität).

Auratische Orte

Die Exkursion in ein Museum, eine Gedenkstätte, speziell ein KZ, ermöglicht eine Vergegenwärtigung der Geschichte mit allen Sinnen, die durch das Erlebnis des geschichtsdurchdrungenen, auratisch wirkenden Ortes oft lange in Erinnerung bleibt. In der Lokalgeschichte zeigen sich Spuren der »großen« Geschichte, wodurch Schüler sich in beiden stärker beheimaten können. Angebote, dort einzelne Biographien nachzuzeichnen oder an Führungen teilzunehmen, intensivieren das Erlebnis.

Die wissenschaftliche Geschichtsdidaktik hat in den letzten zwanzig Jahren eine große Veränderung erlebt. Während früher »Alle Schüler schlagen jetzt Seite 37 im Schulbuch auf« eher gang und gäbe war, zielt der Paradigmenwechsel zu Bildungsstandards jetzt auf den Output des Unterrichts. Abgeprüft werden soll, ob die Schüler Kompetenzen erworben haben, Geschichte sinnvoll zu erzählen, indem sie etwa Quellen und Darstellungen richtig analysieren und in Zusammenhänge einordnen. Statt eines definierten Wissenskanons steht der selbstständige Zugriff auf Geschichte im Vordergrund. Auch bei Waldorfs hat die Idee der Kompetenzen Einzug gehalten. Sie lassen sich besonders vielfältig durch Projekte fördern – eine pädagogische Idee vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Selbsttätiges Entdecken der Lokalgeschichte

Ein Beispiel für die Aneignung der Lokalgeschichte sind die »Stolpersteine«. Der Kölner Künstler Gunter Demnig will damit an die Schicksale der in der NS-Zeit verschleppten Menschen erinnern. Auf der Oberfläche der Stolpersteine aus Messing, die in den Gehweg bündig eingepflastert werden, kann man lesen, wer hier seine letzte Wohnstatt vor der Deportation hatte, nebst weiteren Lebensdaten. Für 38.500 solche Steine in Europa (Stand April 2013) haben Menschen – oft Schüler – Biographien rekonstruiert und eine Feier zum Gedenken gestaltet. Vielerorts ist die Unterstützung dazu in Archiven und Kirchengemeinden schon eingespielt. So zeigen Jugendliche Kompetenzen im Rekonstruieren eines Lebens aus zum Teil dürren Archivalien. Im Umfang ebenfalls gut eingrenzbar ist die Gestaltung einer Website zu einem historischen Thema. Mit Zehnt- bis Zwölftklässlern erforschte ich in einem Wahlprojekt die Umweltproblematik der späten DDR am Beispiel eines Potsdamer Zusammenschlusses namens ARGUS (Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz und Stadtgestaltung). Unsere Erkenntnisse über den damaligen Umgang mit Wasser, Luft, Abfall und die knappe Rettung der zweiten barocken Stadterweiterung Potsdams dokumentierten wir auf sechs langen Fahnen, die an andere Schulen ausgeliehen wurden.

Wer mit Archivalien, Fotos und Exkursionen arbeitet, lernt über viele Sinne und sprengt die Grenzen des Faches. »Schule« und »Welt« verbinden sich im entdeckenden Lernen. Historische Ergebnisse aus unseren Projekten bleiben selbst bei denjenigen Schülern, die nur die Abschlusspräsentation gesehen haben, oft deutlicher im Gedächtnis haften als das im »normalen« Unterricht Erlebte. Das liegt an der Verbindung von exemplarischem Lernen, dem Zugang über verschiedene »Kanäle«, der lebensweltlichen Anbindung, der Selbsttätigkeit und der Vermittlung durch Peers. Aufgrund der Nachhaltigkeit mag, wer keinen Projektunterricht fest im Stundenplan verankert hat, eine von zwei Epochen dafür »opfern«.

Oder kooperieren: Wenn die Feldmessfahrt ansteht, kann man sich bei Denkmalbehörden erkundigen, wo sie eine genaue Karte benötigen. So kartographierte ich zwei Mal bronzezeitliche Hügelgräberfelder, was genau in den Stoff der 10. Klasse passt.

Tun, was man noch nicht kann

Projektunterricht gelingt nur mit Selbstständigkeit und Motivation aus der Sache. Wenn sich die Teilnehmer selbstständig entscheiden, nichts beitragen zu wollen, dann entsteht schnell eine soziale Schieflage. Umgekehrt kann aus Begeisterung ein Projekt erheblich an Fahrt gewinnen, wenn die Schüler das Material um Dokumente aus dem Familienschatz bereichern. Im Auswerten von Archivquellen, im Recherchieren in lokalgeschichtlichen Publikationen kann man Vorstufen wissenschaftlichen Arbeitens erklimmen. Je nach Medium kann auch Künstlerisches seinen Platz finden, etwa in der ästhetischen Gestaltung eines Dokumentarfilms.

Wenn man als Lehrer (noch) nicht über alle erforderlichen Kompetenzen verfügt, muss man sich im Vorfeld Helfer organisieren. Die Beschaffung der dafür nötigen Extragelder, etwa bei Stiftungen, ist manchmal mühselig, trägt aber sehr zum Gelingen bei und bringt Experten ins Schulhaus. Weil die Öffentlichkeit einbezogen ist, denkt man bei Projekten schon während der Erarbeitung an die Präsentation. Sie muss sorgfältig geübt werden, denn spätestens mit der Moderation des anschließenden Gespräches ist kein Oberstufenschüler unterfordert. – Ehemalige Schüler nennen auf die Frage, was aus ihrer Schulzeit bei uns besonders nützlich war, oft die Fähigkeit des guten Präsentierens.

Den Sinn der Geschichte erarbeiten

Wenn man an einer Ausstellung, Aufführung oder einem Film selbst gearbeitet hat, analysiert man die Produkte anderer deutlich kompetenter und wird medienkritischer.

Alle Beteiligten erleben ihren Fähigkeits- (oder Performanz-) Zuwachs, weshalb ich den Projektunterricht für eine sinnvolle Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik halte, vergleichbar den bewährten Theaterspielen in der 8. und 12. Klasse. Hier kann sich das Individuum (übrigens inklusive Lehrerin) breit entfalten, eigene Ideen im Austausch mit der Gruppe umsetzen, Selbstwirksamkeit erfahren und ein über die Schule hinausstrahlendes sinntragendes Ergebnis, in dem Geschichte auflebt, selbstständig und selbsttätig gestalten.

Zur Autorin: Sibylla Hesse unterrichtete über 20 Jahre an der Oberstufe und beschäftigt sich derzeit im Freijahr mit Fragen der Geschichtsdidaktik. Ihre Potsdamer Schüler errangen mit Geschichtsprojekten vier Preise. (Siehe Erziehungskunst: »Das innere Feuer bilden«, September 2010).

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