Aufrechte Folgen

Von Wibke Bein-Wierzbinski, September 2013

Gehen, Sprechen und Denken sind in der Entwicklung des heranwachsenden Kindes eng miteinander verbunden. Deutlich wird dieser Zusammenhang, wenn nicht alles wie am Schnürchen läuft und es zu Auffälligkeiten kommt: Neben Ungeschicklichkeiten in der Motorik treten häufig Schwierigkeiten im verbalen Ausdruck und in den Denkprozessen auf.

@ Charlotte Fischer

Arne (9) fällt in der Klasse durch ständige Unruhe, wenig Ausdauer und störendes Verhalten auf. Nur selten vergeht ein Tag, an dem er nicht vom Stuhl rutscht, sich auf dem Pausenhof verletzt oder mit anderen Kindern in Konflikte gerät. Sinnerfassendes Lesen fällt ihm Ende der dritten Klasse immer noch sehr schwer. Er versucht ständig, den Abstand zum Text zu verändern und reibt sich nach kurzer Zeit die Augen. Augenärztliche Untersuchungen haben ihm jedoch ein gutes Sehvermögen bescheinigt: »Er kann sehen wie ein Adler!« Beim Rechnen von Plus- und Minus-Aufgaben scheinen die Hunderter-, Zehner- und Einerstellen immer noch keine Bedeutung für ihn zu haben. Beim Formenzeichnen hat er Schwierigkeiten, zusammengesetzte Formen wiederzugeben. Seine Handhaltung wirkt verkrampft, wobei sich die Anspannung in der gesamten Körperhaltung widerspiegelt.

Aus seiner frühen Kindheit wissen seine Eltern zu berichten, dass er Schwierigkeiten mit dem Halten seines Köpfchens hatte, viel schrie und insgesamt einen unzufriedenen Eindruck machte. Ihn auf dem Bauch zu lagern war in den ersten Monaten nicht möglich. »Am liebsten wurde er herumgetragen«, erzählt die Mutter.

Arne ist kein Einzelfall. Im Unterricht haben wir es immer wieder mit Kindern zu tun, die sehr wissbegierig und dennoch nicht in der Lage sind, die Lernangebote aufzugreifen. Meist sind es Kinder, bei denen in den ersten Lebensmonaten Schwierigkeiten auftraten, die medizinisch zwar nicht relevant waren, aber dennoch große Anstrengungen bei den Eltern und dem betroffenen Kind erforderten. Häufig verbirgt sich hinter diesen Lernschwierigkeiten, dass das Kopfgelenk nicht funktioniert. Durch die Nackenverspannung sind die betroffenen Kinder nicht in der Lage, ihren Kopf frei zu den Seiten zu wenden oder in Bauchlage gegen die Schwerkraft zu halten, ohne dabei Schmerzen und Unbehagen zu empfinden. Diese zunächst minimale Störung oder Blockade wirkt in einer Phase, in der das Kind normalerweise vielfältige sensomotorische Erfahrungen macht. Es stützt sich aus der liegenden Position hoch, bildet Stützflächen aus und erprobt Bewegungsabläufe. Über das Gleichgewichtssystem lernt es, die Lageveränderungen des Kopfes zu registrieren und dazu passende, ausgleichende Bewegungen mit dem Körper und den Augen zu machen. Dieser frühkindliche Lernprozess erstreckt sich über die ersten zwölf bis 18 Lebensmonate und wird neuromotorische Aufrichtung genannt. Jede Störung eines Reifeschritts in der Aufrichtung wirkt sich auf nachfolgende Reifeschritte aus, die funktionell mit diesem Bereich verbunden sind. Einem Säugling, der Probleme mit dem Nacken hat und der nicht auf dem Bauch liegen kann, fällt es schwer, die Augen zu steuern. Das wiederum beeinträchtigt das Sehen, das Zeichnen und das Lesen lernen. Diese frühkindliche Störung geht oft mit fehlendem Mundschluss, Trinkschwäche sowie später auftretenden Kiefer- und Zahnfehlstellungen und einer auffälligen Zungen- und Rachenmotorik einher.

Grund für diese vielfältigen Symptome ist die gestörte Neurophysiologie der oberen Halswirbelsäule, die zu »Verrechnungsfehlern« im Stammhirn führt. Hier werden in so genannten Interneuronen (WDR) einströmende Sinneserfahrungen aus der Nacken-, Kiefer-, Zungen-, Rachen- und Augenmuskulatur mit denen aus dem Gleichgewichtsorgan und dem fünften Hirnnerv synchronisiert. Wenn nur ein Sinnesbereich »Fehlinformationen« liefert, wirkt sich das auf die anderen Sinnesbereiche aus. Bei Arne waren es die Fehlinformationen aus der Nackenregion, die dazu geführt haben, dass die Einstellung der Augen zu wenig an die Kopfstellung und an das Gleichgewichtsempfinden angeglichen wurde. Noch heute springt sein Blick ungewollt, wenn er Gegenstände, Texte oder Zeichnungen aus der Nähe betrachtet. Das erschwert ihm das Lesen und das Zeichnen. Mit Mathematik tut er sich schwer, weil er sich im Zahlenraum nicht orientieren kann – was Ausdruck einer Gleichgewichtsstörung ist. Auch seine zwischenmenschlichen Schwierigkeiten resultieren daraus, dass er Situationen anders wahrnimmt als seine Klassenkameraden. Zudem führte die Vermeidung der Bauchlage als Säugling durch den fehlenden Druck auf den Unterbauch und die Hüften zu Fehlstellungen des Beckens; die Hüften sind zu wenig gestreckt, die Beine rotieren leicht nach innen; hinzu kommen Knick-Senk-Füße mit unrunden Bewegungen, Tolpatschigkeit und eine schlechte Sitzhaltung mit rundem Rücken.

Möchte man ein betroffenes Kind wie Arne fördern, ist es wichtig, seine frühkindlich erworbene, anfängliche Störung zu berücksichtigen. Durch nachholendes Training der einzelnen Haltungen und Bewegungsabläufe aus dem neuromotorischen Aufrichtungsprozess lassen sich »Lücken« und Abweichungen im sensomotorischen System verringern, wenn nicht sogar beheben. Das Sich-Aufrichten enthält alle »Trainingseinheiten« und Reifungsanstöße, die alle Muskeln harmonisch zusammenspielen lassen und durch die alle Reize verarbeitet werden können.

Zur Autorin: Dr. Wibke Bein-Wierzbinski ist Begründerin der PäPKi-Fördermethode für entwicklungs- und lernauffällige Kinder.

Link: www.paepki.de

Literatur: W. Bein-Wierzbinski, Chr. Heidbreder-Schenk: Konzentration und Körperhaltung erfolgreich fördern. 40 Bewegungsspiele für Turnhalle und Klassenraum, Wiebelsheim 2010

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