Der Bewegungsmensch als Sinnesorgan

Von Peter Loebell, Oktober 2012

Beim Zuhören und Nachsprechen können sich Kinder über die fremden Laute der englischen Sprache freuen, auch wenn sie manches noch gar nicht verstehen. Sie erleben Sprache im Unterschied zu Geräuschen oder Klängen und wissen, dass die Worte eine Bedeutung haben. Schon im Mutterleib unterscheidet ein Embryo menschliche Sprache von Geräuschen wie Klopfen, Rauschen oder anderen akustischen Ereignissen.

Das neugeborene Kind bewegt seinen Körper dazu in feinster Weise fast gleichzeitig (innerhalb von 50 Millisekunden) zu den Artikulationsbewegungen eines Sprechers, unabhängig von der verwendeten Sprache. Obwohl die Laute in jeder Situation und von einem Sprecher zum anderen verschieden klingen, können wir beim Wahrnehmen gesprochener Sprache normalerweise erkennen, dass eine Lautvariation eine Bedeutungsveränderung mit sich bringt. Solche Fähigkeiten wurden schon bei sechs Monate alten Kindern nachgewiesen, also lange, bevor ein Sprachverständnis überhaupt möglich war: »Die Säuglinge reagierten verschieden auf die Phoneme ihrer eigenen Sprache, und, was bezeichnend ist, sie konnten zwischen insignifikanten Variationen in anderen Sprachen besser unterscheiden als in ihrer eigenen. Diese Fähigkeit, alle unwichtigen und individuellen Variationen in Ton und Artikulation mitzubekommen und gleichzeitig auf die entscheidendsten Aspekte der spezifischen Laute der eigenen Sprache eingestimmt zu bleiben, ist eine der wichtigsten Grundlagen jeder Sprachwahrnehmung« (Lutzker). Wenn Menschen schon in einem Alter, in dem sie weder sprechen noch die Bedeutung des Gesprochenen verstehen können, Sprache erkennen, so erscheint es berechtigt, einen »Sprachsinn« von anderen Wahrnehmungsmodalitäten zu unterscheiden. Aber: Mit welchem Organ erfassen wir die Sprache eines anderen Menschen?

Dass wir die Welt sinnlich wahrnehmen können, verdanken wir unseren Sensoren, also Nervenzellen oder Zellteilen, die durch bestimmte Einwirkungen erregt werden. Jede Sinnesmodalität scheint ihr eigenes Organ auszubilden, das sich mehr oder weniger genau lokalisieren lässt; dies gilt zumindest für Augen und Ohren, Nase und Zunge. Eine Ausnahme bildet die Wahrnehmung des eigenen Körpers: Beim Tasten betätigen wir Sinneszellen, die über die gesamte Hautoberfläche ausgebreitet sind; der Lebens- oder Vitalsinn, durch den wir den inneren Zustand und die eigenen Lebensvorgänge wahrnehmen, beruht auf mechanischen und chemischen Sensoren in den inneren Organen; der Eigenbewegungssinn verschafft uns die Empfindung der eigenen körperlichen Betätigung aufgrund von Verkürzung oder Dehnung unserer Muskeln.

Der Sprecher lässt den Hörer tanzen

Für den Sprachsinn lässt sich kein einzelnes Organ beschreiben. Seine Tätigkeit – die feinen motorischen Reaktionen eines Hörers von gesprochener Sprache – wurde erstmals von dem Amerikaner William Condon durch Filmaufnahmen festgehalten und analysiert. Die fast synchronen Körperbewegungen des Hörers werden »Entrainment« genannt. Sie deuten darauf hin, dass es eine »zentrale, wahrnehmende neurologische Einheit geben muss, die peripher in der Körperbewegung reflektiert wird« (Condon, zit. nach Lutzker).

Es ist also der von uns selbst bewegte Körper, der uns die Sprache eines anderen Menschen erkennen und wahrnehmen lässt. »Sobald zwei Personen einander leiblich begegnen, sind sie von vorneherein in ein systematisches Interaktionsgeschehen einbezogen, das ihre Körper miteinander verbindet und ein präverbales und präreflexives Verstehen herstellt« (Fuchs). Durch mein Sprechen veranlasse ich meinen Zuhörer, sich mit mir wie in einem Tanz zu bewegen, unabhängig davon, ob er meine Worte versteht und ob er mir zustimmt. Diese subtile, äußerlich kaum sichtbare Bewegung prägt nun wiederum die Körperwahrnehmung meines Gegenübers – der Klang der Worte, die ein Kind in seiner Umgebung wahrnimmt, wirkt also tief in seine Leiblichkeit hinein. Der Schweizer Lehrer Ernst Bühler beschreibt einen unvergesslichen Eindruck, den er in seiner Kindheit aufgenommen hat: »Auch erinnere ich mich, wie ich das mich beeindruckende Wort ›Fundament‹ zum ersten Mal gehört habe. Ich weiß nicht, ob es die gewaltigen Grundmauern waren, die als Fundament bezeichnet wurden, oder die in den Lauten dieses Wortes wirkende Kraft, die es mir so gewaltig und sympathisch erscheinen ließ. Es gab über Wochen hinweg kein Wort, das ich so gern wiederholt und so sehr geliebt habe, wie das Wort Fundament.«

Offenbar bildet die eigene Bewegungsfähigkeit die Grundlage für die Wahrnehmung menschlicher Sprache. So beginnt schon der Fötus am Ende des dritten Schwangerschaftsmonats, sich im Mutterleib aktiv zu bewegen. Ab dem fünften Monat zeigt er deutliche Reaktionen auf Geräusche und ab dem siebten Monat ist das Gehör voll entwickelt, so dass das ungeborene Kind in einem differenzierten Klangraum lebt. Neugeborene zeigen daher Vorlieben für die Stimme der Mutter und für Melodien, Rhythmen und sogar für vorgelesene Texte, die sie vor der Geburt gehört haben (Fuchs). Auch während der ersten zwölf Lebensmonate lässt sich ein Zusammenhang von motorischer und sprachlicher Entwicklung bemerken: Die Geschicklichkeit der Körperbewegung zeigt sich im Allgemeinen durch Drehen, Aufsetzen, Krabbeln und das freie Gehen, bevor das Kind die ersten eigenen Worte spricht. Im Laufe dieser Zeit hat es stets die Sprache der Menschen in seiner Umgebung wahrgenommen und auf die musikalischen Ausdrucksqualitäten der Stimmen gelauscht. Erst im Laufe des zweiten Lebensjahres beginnt das Kind, Wörter zu übernehmen, sofern sie in einem überschaubaren Handlungskontext verwendet werden. Der Zusammenhang von Bewegungs- und Sprachsinn, der am Anfang des Lebens so deutlich erscheint, kann später in der Schulzeit zu einer wichtigen Grundlage für die Förderung der kindlichen Entwicklung werden – nicht nur im Fremdsprachenunterricht.

Literatur: Ernst Bühler: Mosaik des Lebens, Stuttgart 1996

Thomas Fuchs: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan, Stuttgart 2010

Peter Lutzker: Der Sprachsinn. Sprachwahrnehmung als Sinnesvorgang, Stuttgart 1996

Zum Autor: Prof. Dr. Peter Loebell ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart

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