Der Geistesmensch. Die Würde der Menschheit im Menschen

Von Claus-Peter Röh, November 2015

Klassenspiel einer 12. Klasse: Im Blick auf das Zeitgeschehen haben sich die Schülerinnen und Schüler für ein Stück entschieden, das den Ausgegrenzten, den Fremden, den Flüchtling in den Brennpunkt stellt: »Andorra« von Max Frisch.

Foto: © codswollop/photocase.de

In der engagierten Darstellung der Jugendlichen wird das Spiel zum bitteren Ernst. Im wachsenden Abgrund zwischen Wahrheit und Unwahrheit tritt die ganze Dramatik des Menschenschicksals hervor: Einerseits verstricken sich die Bürger Andorras immer tiefer in ihre Vorurteile, in Ausgrenzung und Gleichgültigkeit. Andererseits flammt in diesem äußeren Absturz die Frage nach dem wahren Menschsein auf. Geprüft von Unrecht und Schmerz erkennen einzelne Menschen die Wahrheit hinter den Fassaden und bäumen sich mit der ganzen Kraft ihrer Individualität gegen die Unwahrheit auf. Wo ein junger Mensch von siebzehn oder achtzehn Jahren aus innerster Überzeugung und Entschlossenheit das Wort für die Wahrheit und für das Leben eines anderen ergreift, ist die Würde des Menschen in vollem Sinn anwesend.

Die Realität des »idealischen Menschen« immer neu in den Wechselfällen des äußeren Lebens zum Ausdruck zu bringen, ist für Friedrich Schiller die große Aufgabe des menschlichen Daseins. Rudolf Steiner kennt drei Aspekte dieses idealischen Menschen: das Geistselbst, den Lebensgeist und den Geistesmenschen. Sie beinhalten zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten, die ausgebildet werden können, wenn der Mensch aus seinem bewussten Ich heraus an ihnen arbeitet.

Das Geistselbst ist besonders eindrücklich dort zu erleben, wo Erzieher und Lehrer nach dem Grundsatz handeln, dass Erziehung vor allem Selbsterziehung ist: In jedem Unterricht, nach jeder Begegnung mit den Kindern und Jugendlichen meldet sich ein inneres Bewusstsein, das jenseits von Empfindungen der Sympathie und Antipathie auf das Gelingen oder Nicht-Gelingen der Tätigkeit blickt. Gelingt es, dieses Bewusstsein wahrzunehmen, taucht unmittelbar der Wunsch auf, das Getane beim nächsten Mal besser zu machen. Dieser menschliche Wunsch nach Verbesserung ist das Urbild des Geistselbst.

Der Lebensgeist vertieft den Wunsch zum inneren Vorsatz: Hier wird der Wille zu einer Kraft, aus der Bilder künftiger Handlungen hervorgehen, die das konkret Bessere darstellen. Besonders wahrnehmbar wird diese Kraft des Lebensgeistes dort, wo eine menschliche Begegnung nicht gelingt und die Unzufriedenheit darüber keine Ruhe lässt: Es bildet sich im Menschen ein starker Wille zur Verwandlung, der sich in bewegten Fragen und Vorstellungen spiegelt und zur nächsten Begegnung drängt, um sich zu verwirklichen.

Der Geistesmensch schließlich verdichtet Wunsch und Vorsatz bis zum Entschluss. Schon im Alltagsleben haben klare Entschlüsse eine große Bedeutung, aber sie sind nur eine Art Abbild der Realität des Geistesmenschen. Geht es um existenzielle Fragen und Weichenstellungen, deren Wirkungen weit in die Zukunft reichen, fordert der Entscheidungsprozess eine andere Zeitgestalt und ein anderes Vorgehen: Wir müssen durch die äußeren Anlässe hindurch in ein wahrnehmendes Gespräch mit unserer eigenen Zukunft treten, die uns aus der Welt entgegenkommt und in den Willensimpulsen des Geistesmenschen lebt. Wird vor einer weitreichenden Entscheidung Raum gegeben, den Willen aller Beteiligten zu erfragen, so kann der Entschluss, wie er auch ausfallen mag, tiefe, weitreichende Wirkungs- und Verantwortungskräfte in sich tragen.

Der innere Akteur der beschriebenen Entwicklung vom Wunsch über den Vorsatz zum Entschluss ist das Ich des Menschen, das unablässig eine dynamische Polarität zu einer Einheit verbindet. Das Ich lebt in Leib und Seele, aber auch im geistigen Weltzusammenhang, aus dem es stammt. Und diese beiden Aspekte der Welt verwebt es unablässig ineinander. Soviel es an den Empfindungen und Gedankenrichtungen seiner Seele arbeitet, verbindet es sich im Wunsch nach Weiterentwicklung mit seinem Geistselbst. Wenn es die ätherischen Lebenskräfte und Lebensgewohnheiten verwandelt, steigert es seinen Wunsch nach Vervollkommnung bis zum Vorsatz.

Der Geistesmensch schließlich ist Kern und Quelle der Menschenwürde: Er ist der vollkommene Mensch, der in seiner Individualität die gesamte Menschheit umfasst. Aus ihm schöpfen wir die Kraft des Entschlusses, der bis in die physische Welt hineinwirkt und diese verwandelt. Und insofern wir den Entschluss durch unseren Leib in die Tat umsetzen, verwandeln, vergeistigen wir auch unseren Leib.

Geistselbst           Wunsch           Verwandlung des Astralischen

Lebensgeist          Vorsatz            Verwandlung des Ätherischen

Geistesmensch      Entschluss        Verwandlung bis ins Physische

(Steiner, 1919)

Wenn der Umgang mit den Verwandlungskräften des Geistesmenschen in der Anthroposophie auch erst als zukünftige Fähigkeit beschrieben wird, so sind doch Ansätze wahrzunehmen: Arbeitet ein Mensch zum Beispiel sein ganzes Leben hindurch mit intensivem Willen an der Sprache, so ergibt sich sicherlich eine Wirkung bis ins Organische. Blicken wir in diesem Sinne auf die Biographie der russischen Lyrikerin Anna Achmatowa, so finden sich in ihrem dramatischen Leben Anklänge der Qualitäten des Geistesmenschen: Ein Leben lang rang sie mit Sprache und Dichtung. Das Ringen um die Würde des Menschen durchzog ihr gesamtes Lebenswerk. Mit beeindruckender Klarheit fasste sie Entschlüsse, die ihr ganzes Leben prägten. 1922, in den Wirren der Revolution, entschloss sie sich, nicht mit  vielen anderen Künstlern in den Westen zu fliehen, sondern in Russland zu bleiben.  Ein solch dramatisches, aufrichtig ringendes Leben schreibt sich bis in die Physiognomie ein. In der Verwandlung der Bilder und Lebensstationen ist ein leiser Anklang zu erkennen, wie der innere Geistesmensch als Quell der Menschenwürde, im Laufe einer Biographie zum Ausdruck kommen kann.

Zum Autor: Claus-Peter Röh war 28 Jahre Klassen-, Musik- und Religionslehrer an der Freien Waldorfschule Flensburg; heute leitet er zusammen mit Florian Osswald die Pädagogische Sektion am Goetheanum in Dornach.

Literatur: F. Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 4. Brief; R. Steiner: Allgemeine Menschenkunde, 25. 8. 1919, Stufen des Willens

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